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REZENSIONEN BELLETRISTIK

NICK MCDONELL, ZWÖLF
Roman, KiWi, Köln 2002

Nachdem Harald Schmidt in Elke Heidenreichs neuer Literatursendung im ZDF „Zwölf“ auf unkonventionelle Weise gewürdigt und damit neugierig gemacht hat, ist das Buch zeitweilig nicht mehr lieferbar gewesen. Auch der SKB sah sich selbstverständlich veranlasst, das Werk des amerikanischen Benjamin Lebert („Crazy“) einer Prüfung zu unterziehen. – Der 1984 in New York City geborene Nick McDonell hat sein Buch als 17-Jähriger geschrieben. Es handelt sich um einen in 98 kurze Kapitel gegliederten temporeichen Roman, der in die Welt der privilegierten New Yorker High-School-Jugend einführt. Es geht um Drogen, Sex und mörderische Gewalt – den ganz alltäglichen Wahnsinn. Dies beschreibt Nick McDonell in einer durchaus angemessenen Sprache, die – anders als man hätte erwarten können – auf Zoten und pubertäre Ausfälle verzichtet. Der Hauptmangel des Buchs besteht in der unscharfen Konturierung der Akteure. Der Leser fragt sich noch zum Schluss, wer der Hauptprotagonist, der cleane Dealer White Mike nun eigentlich ist. Zu McDonells literarischen Zielen zählt es offensichtlich nämlich nicht, bewusst sämtliche Charakterunterschiede zu verwischen. Zwischen gut und böse kann der Leser durchaus differenzieren – doch wird er bei der Suche nach den Hintergründen allein gelassen. Zu selten erfährt er Details: Es gibt den Camusleser und den einfacher gestrickten Hedonisten. Was jedoch treibt die Wohlstandskids an? Aber vielleicht will der Roman dies nicht beantworten. Das Eintauchen in die Welt der New Yorker Teens lohnt allemal. Das Schlimmste, was dem Buch widerfahren könnte, wäre seine Einordnung unter der Rubrik „Jugendliteratur“ oder die Entdeckung als Mittelstufenlektüre in zehn bis fünfzehn Jahren. Immerhin wird man White Mike als den Holden Caulfield der Jahrhundertwende bezeichnen können.         

 

WILHELM GENAZINO, EINE FRAU, EINE WOHNUNG, EIN ROMAN
Roman, Hanser, München/Wien 2003

Eine liebenswerte Frau finden, eine eigene Wohnung beziehen und einen Roman schreiben – das sind die Ziele des Helden, eines zur Eigenbrödlerei neigenden Siebzehnjährigen, der gerade vom Gymnasium geflogen ist. Sämtlichen Zielen kommt er in dem 160 Seiten schmalen Roman deutlich näher. Zu Beginn freilich sucht ihm die Mutter eine Ausbildungsstelle, er aber schlittert in der verbleibenden Freizeit in den Job eines Lokalredakteurs und lernt eine neue Welt kennen. Doch sie fasziniert ihn nicht. Zunehmend bekümmert ihn seine Überheblichkeit, wenn er dümmliche Spielchen der Tanzsaalbourgeoisie oder Peter-Alexander-Filme loben muss. – Dies soll zum Plot reichen. Was den Roman auszeichnet, ist weniger die vordergründige Handlung als die hier auf wunderbare Weise wiederbelebte Atmosphäre der späten Adenauerjahre. Es begegnen uns durch den Krieg schweigsam gewordene Eltern, bettelnde Kriegsversehrte, im Arbeitsamt wartende Tagelöhner, zugleich aber auch die Unternehmenslust einer prosperierenden Wirtschaft. Allein die großzügige Besetzung der Lokalredaktion und die Vielfalt der Presselandschaft lassen Wehmut aufkommen. Doch nicht nur dem Helden fällt auf, dass es allzu oft an geistiger Durchdringung fehlt. Im Ton der Vor-Achtundsechziger sinniert er: „Warum wurden die Menschen in diesem endlich erreichten Glück so läppisch, einfältig und töricht?“ (S. 93). – Der 1943 in Mannheim geborene Genazino schreibt in diesem Buch wie jeder Autor auch über sich und seine Stadt. Dies gelingt ihm nicht ganz so gut wie Thomas Hürliman in seiner Novelle „Fräulein Stark“, an die der Leser von „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ immer wieder erinnert wird. Dennoch: Sehr empfehlenswert. Eine leichte und doch nicht ganz oberflächliche Sommerlektüre.      

 

JUDITH HERMANN, NICHTS ALS GESPENSTER
Geschichten, S. Fischer, Frankfurt am Main 2003

Mit gesundem Misstrauen sind wir an dieses Buch herangegangen. Ist Judith Hermann nicht von einer Literaturschickeria gepusht worden, die alternden Yuppies erbauliche Texte gönnen wollte? So mag es tatsächlich gewesen sein. Doch Judith Hermanns Short Stories um Zweierbeziehungen sind wahrhaft  große zeitgenössische Literatur. Dabei steht nicht einmal Liebe, erst recht nichts Sexuelles im Vordergrund. Die 1970 in Berlin geborene Autorin schildert vielmehr Erlebnisse von Pärchen auf Reisen, mal ernst, mal heiter, immer aber spannend und den Horizont erweiternd. Literarisch bewegen sich alle sieben Geschichten auf hohem Niveau, doch bleibt es nicht aus, dass die eine besser als die andere gefällt. Probleme hatten wir etwa gleich bei der ersten Geschichte „Ruth (Freundinnen)“, die uns doch recht simpel strukturierte Protagonisten präsentierte. Die leicht verwickelte Story „Kaltblau“ lässt die Beziehungsgeschichten vor dem Hintergrund der emotionslos und doch begeistert geschilderten Eindrücke des Reiselandes Island hell aufleuchten. Ebenso gerne bewegen wir uns mit der melancholischen Heldin von „Aqua Alta“ durch Venedig, wo sie auf ihre alt gewordenen Eltern stößt, aber auch andere Abenteuer erlebt. Und selbstverständlich dürfen die USA nicht fehlen. Hier stößt ein sich selber nicht sicheres Paar während einer Wüstenfahrt in Nevada auf einer Geisterjägerin. Die nach der Eingangsgeschichte uns am wenigsten gelunge erscheinende Erzählung spielt in Prag, wo vorübergehend zweisame Menschen aufeinanderstoßen. Wieder im hohen Norden, im Tromsö, finden zwei Musiker ihre Liebe zu der eigenartigen Stadt und geraten in eine bizarre Szenerie. – Während der Lektüre erinnerten wir uns an die junge Irene Dische, die als Debütantin seinerzeit begeisterte. Hermann hat nach „Sommerhaus“ ihr zweites Buch vorgelegt. Ihr hat die Preisflut der letzten Jahre nicht geschadet (u. a. 1997 Literaturförderpreis der Stadt Bremen, 2001 Kleist-Preis). – „Nichts als Gespenster“ – ein ideales Urlaubsbuch.    

 

SIEGFRIED LENZ, FUNDBÜRO               
Roman, Hoffmann und Campe, Hamburg 2003

Henry Neff, Anfang 20, bieten sich eine Reihe von beruflichen Möglichkeiten, auch recht bequeme, beispielsweise im Familienbetrieb. Aber er ist ohne Karriereehrgeiz und mit einer kleinen Wohnung in problematischem sozialem Umfeld zufrieden. Er entdeckt für sich die Welt des Fundbüros, seinem neuen Arbeitsplatz, den andere als „Abstellgleis“ bezeichnen. Es ist wohl nicht falsch, dieses Fundbüro im Hauptbahnhof der Hansestadt Hamburg zu lokalisieren. Der Roman spielt also zu einer Zeit, als die Bahn noch eigene Fundbüros unterhielt und „Deutsche Bundesbahn“ hieß. Neff ist aber kein zur Eigenbrödlerei neigender Wirrkopf, sondern ein intelligenter Junge, der ausgezeichnet Eishockey spielt und sich für die Menschen interessiert. So kommt er zu interessanten Bekanntschaften. Eine etwas ältere, mit einem Synchronsprecher verheiratete Kollegin findet seine Liebe, mit einem baschkirischen Mathematikgenie schließt er Freundschaft, am Schicksal seines schwarzen Briefträgers nimmt er Anteil. (Wie man einen solchen Romanhelden als Verlierer bezeichnen kann – dies hat Wolf Scheller in seiner Rezension des Kölner Stadt-Anzeigers am vergangenen Samstag getan – ist unverständlich. Scheller sieht offenbar in jedem, der sich dem alltäglichen Streben nach dem Mammon verweigert, einen Looser.) – Doch so sympathisch uns der Held sein mag, sein Schöpfer Siegfried Lenz neigt diesmal sehr stark zu einer Lehr-, einer Deutschstunde, rennt freilich offene Türen ein. Arg pädagogisierend kommt die Moral von der Geschicht: Liebe Deinen Nächsten, und wenn es der von rechten Motorradrockern attackierte afrikanische Briefträger oder der baschkirische Gastwissenschaftler ist! Es ist Lenz’ wunderbarer Erzählton, der den Roman rettet und ihn doch zu einem Lesevergnügen macht. Aufklärung vermag er nur in Ausnahmefällen zu bieten, etwa in einer schönen Szene über den Fundbüroevaluator, in der Henry Neff sagt: „Heute haben Gutachter und Controller Konjunktur, nichts geht ohne sie. Wer weiß, zu welchem Ergebnis dieser Bursche hier kommt; ich traue ihm zu, daß er bei Gelegenheit sein eigenes Gutachten begutachtet. Und ich ahne auch schon, wer hier zuviel an Bord ist.“ – Irritierend sind einige Schludrigkeiten (des Lektors?) zu Beginn. Der sehr großzügig in alter Rechtschreibung gesetzte Roman kommt auf 336 Seiten, was anderorts gut 200 Seiten entspräche. 

 

BENJAMIN LEBERT, DER VOGEL IST EIN RABE
Roman, KiWi, Köln 2003

Paul ist ein junger Student, den es aus Bayern nach Berlin gezogen hat. Ab und zu kommt er in sein Elternhaus und genießt die heimelige Aura. Im Nachtzug fährt er dann zurück in die Hauptstadt. So auch diesmal. Er hat das untere Bett, der andere, Henry, ungefähr in seinem Alter, das obere. Henry ist auf der Flucht vor einem Freund, einem ehemaligen Freund, denn Henry hat dessen Angebetete in des Freundes Bett verführt. Henry erzählt während der Nachtfahrt die ganze Story. Paul hört aufmerksam zu. In Berlin wartet die Polizei, auf Paul. Denn der hat vor seinem Münchener Heimataufenthalt eine Prostituierte in einem Berliner Edelbordell ermordet. – Okay, man liest es und mit der Zeit überlegt man: Unterhalten sich so junge Männer Anfang 20? Nein, das sind Teenie-Dialoge. Und diese Klischees, die kein Krimiautor mehr in den Plot aufzunehmen wagt! Der von einem reichen Freund freigehaltene noch jugendlich zu nennende Bordellbesucher verliebt sich in die erstbeste Dame des Etablissements, wird enttäuscht und bringt sie um. Wie originell! Und dieser Mörder trifft Tage später auf Paul, dessen Liebe unerwidert blieb – obwohl er seinen Freund betrogen hat. Gähn! Was ist die Moral von der Geschicht: Frauen treiben den einen in die Flucht, den anderen ins Gefängnis? Männliches Selbstmitleid, nach dem die Frauen ins Elend gestürzt sind (tatsächlich hat sich das eine Mädel in ihrer Wohnung eingeschlossen, nachdem der Möchtegernsfreund sie verprügelt hat und das andere ist tot)? Das Buch ist schwach und doch nicht langweilig. Verstörend ist die Welt, die Lebet zeichnet, fast so verstörend wie die des Nick McDonell. Freilich: Nick McDonnell konnte den literarischen Ansprüchen, denen Lebert in „Crazy“ durchaus entsprochen hat, genügen. Leberts „Der Vogel ist ein Rabe“ lebt vom ersten Buch. Ohne „Crazy“ hätte den Text, den Roman zu nennen arg gewagt ist, kaum jemand zu Kenntnis genommen. 

 

 

 
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