Home
Vita (Lehre, Vorträge)
Publikationen
Pressekontakte
Rezensionen
SKB
Siegburger Literaturliste
Sachbuch
Belletristik
Galerie
 

REZENSIONEN SACHBUCH

GABRIEL GARCÍA MÁRQUEZ: LEBEN, UM DAVON ZU ERZÄHLEN
Erinnerungen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002

Ein großes Buch. Groß ist auch die Vorfreude auf die beiden angekündigten Fortsetzungen des Memoirenbandes. Denn nach 604 Seiten Lektüre legt man Màrquez‘ Erinnerungen traurig zur Seite ­– traurig, weil man auf diese wunderbare Sprache nun einstweilen wird verzichten müssen. Dabei gibt es nicht wenige, die sich mit Márquez‘ Werken durchaus schwer taten. Doch die kunstvollen, oft aber verwirrenden und anstrengenden Romane des Nobelpreisträgers – allen voran “Hundert Jahre Einsamkeit” und “Liebe in den Zeiten der Cholera” – verblassen im Licht der nun leicht erzählten Lebensepisoden. – Dieses Buch wird man nicht der typischen Memoirenliteratur zuordnen. Zu groß sind die offensichtlichen Lücken und zu subjektiv die eitlen, gleichwohl keinesfalls abstoßenden Selbstbespiegelungen. Manchmal glaubt man sich sogar sicher zu sein, einen Roman, fiktive Narration in Händen zu halten. Wissenschaftliche Standards jedenfalls werden nicht eingehalten (keine Quellen, keine Register). Selten geht Márquez auf seine Werke ein und noch seltener verrät er seine literarischen Kniffe (etwa das Vermeiden simpler Adverbien). ­– Die ersten Lebensjahre Márquez‘ spielen sich im durchaus als großbürgerlich zu kennzeichnenden Milieu einer in Macondo lebenden Großfamilie ab. Identifikationsfigur des Jungen ist der Großvater, ein liberaler, letztlich gescheiterter General, dessen Lebenslauf den Leser mit der politischen und sozialen Gemengelage Kolumbiens vertraut macht. Dabei ist Márquez‘ Stil zunächst geradezu ambitioniert literarisch. (Es wird kolportiert, der Stilbruch nach gut einhundert Seiten hänge mit der Unruhe des alt gewordenen Nobelpreisträgers nach der Krebsdiagnose zusammen). Márquez erzählt von einer erinnerungsreichen Reise als Zwanzigjähriger, die er als armer Literat mit seiner gleichsam nicht zu Wohlstand gelangten Mutter an den Ort seiner Kindheit unternimmt, um das Haus der Großeltern zu verkaufen. Dieses Projekt scheitert und es dauert noch einige Jahre, bis “Gabo” “Rettungsboote”, Geld, der großen Familie nach Hause überweisen kann. – Das Buch ist ein implizites Plädoyer für den Idealismus des kolumbianischen Geistmenschen, zu dem nicht nur die Freude am Buch und an der freizügigen Liebe, sondern auch der Mut zum politischen Kampf und der Bereitschaft zu Armut und Verfolgung gehört. Dass ein derartiges Lebenskonzept Männern wie Márquez, seinem Vater und seinem Großvater (mütterlicherseits) auf unterschiedliche Weise gelang, haben sie den Frauen zu verdanken, die manches zu erdulden und auf vieles zu verzichten lernten, aber im entscheidenden Moment die lebenspraktische Resolutheit aufbrachten, ihre Familien vor dem Untergang zu bewahren. Der machismo der Márquez mag abstoßen, faszinierend ist er allemal. Er bildet stets die Folie für das Auftreten des jungen Schriftstellers, des sich findenden Kariben bei den sturen Bogotanern, des müßiggängerischen Studenten, des Reporters, Redakteurs und Kolumnisten, des Mitglieds prominenter literarischer Zirkel, des Gegners der konservativen violencia. – Wer dieses Buch gelesen hat, weiß auch viel über das Kolumbien unserer Tage.

 

INGE UND WALTER JENS, FRAU THOMAS MANN. DAS LEBEN DER KATHARINA PRINGSHEIM
Sachbuch, Rowohlt, Reinbek 2003

Hält man nach der Lektüre dieses Buches inne und denkt noch einmal über Katia Mann nach, so wird man kaum zu einem positiven Ergebnis gelangen. Die als Katharina Pringsheim geborene Katia Mann war kein ausgesprochen liebenswerter Mensch. Inge und Walter Jens zeichnen sie als allzu geschäftstüchtige Person, die im Verleger Samuel Fischer einen Ganoven sah und eine sehr standesbewusste Frau, die barsch über ihr Personal urteilte. Ihr ganz und gar an Thomas Mann ausgerichtetes Verhalten befremdet mehr als einmal. Dieser Eindruck wird bestärkt, wenn man von ihrem Wirken nach Thomas Manns Tod liest. Ihr Lebensinhalt bestand beinahe ausschließlich aus der Pflege des Nachruhms des verstorbenen Nobelpreisträgers (und der kranken Tochter Erika). Katharina Pringsheim war eine Frau mit einem höchst interessanten Lebenslauf, eine sympathische Figur ist sie nicht. Freilich stellt sich die Frage, ob das vom Ehepaar Jens vermittelte Pringsheimbild der vergangenen Realität nahe kommt. Sicher, die beiden Jens haben Hunderte Briefe erstmals der Wissenschaft erschlossen. Doch es bleibt der Eindruck, dass zu große Teile aus dem Leben Katia Manns im Verborgenen bleiben. Richtig nahe kommt man ihr in diesem Buch nicht. Zu sehr beschränkt sich das Autorenpaar auf das Literarische und lässt sich von den Taten des Dichtergenies lenken. Von einer umfassenden Katia-Mann-Biographie wird man kaum sprechen können, erfährt man doch beispielsweise kaum etwas über Katias Gesundheit oder ihre weltanschaulich-religiösen Vorstellungen. Dies ist umso bedauerlicher, als ihr Leben für Tommy keineswegs das einer geistigen Unterwerfung war. Fazit: Wer die einschlägigen großen Thomas-Mann-Biographien gelesen hat, wird sein Bild von Katia Mann nicht verändern müssen, allenfalls in Nuancen. – Nicht jedermanns Sache ist der Jenssche Schreibstil, der nicht selten etwas arg großelternhaft wirkt. Manchmal trieft einfach zu viel linksliberales Bildungsbürgertum aus den Seiten.     

 
Top