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General-Anzeiger Rhein-Sieg, 17. Juni 2016

Forschungsprojekt im Rhein-Sieg-Kreis

Medizinverbrechen der Nazis werden aufgearbeitet

http://www.general-anzeiger-bonn.de/region/sieg-und-rhein/siegburg/Medizinverbrechen-der-Nazis-werden-aufgearbeitet-article3283242.html

Von Hannah Schmitt

17.06.2016 Rhein-Sieg-Kreis. Eine Projektgruppe wertet Literatur und Patientenakten aus der Nazizeit aus. 90.000 Euro stehen zunächst für das Forschungsprojekt zur Verfügung. Es war eine unvorstellbare Maschinerie: In der NS-Zeit haben Ärzte Tausende Menschen zwangssterilisiert – weil sie vermeintlich Erbkrankheiten trugen oder Alkoholiker waren. Im weiteren Verlauf stand der systematische Massenmord an Männern, Frauen und Kindern, die als körperlich oder geistig eingeschränkt galten. Das alles passierte unter staatlicher Aufsicht, auch auf lokaler Ebene waren Behörden involviert. Inwieweit die Gesundheitsbehörden auf dem Gebiet des heutigen Rhein-Sieg-Kreises an den Medizinverbrechen beteiligt waren, soll nun eine Forschungsgruppe aufarbeiten.

Der Kreiskulturausschuss hat dazu die erforderlichen Haushaltsmittel freigegeben. 90.000 Euro stehen damit zur Verfügung, 60.000 Euro vom Kreis sowie 30.000 Euro Förderung vom Landschaftsverband Rheinland (LVR). Weitere 30.000 Euro hat der Verband in Aussicht gestellt. Aufarbeitung wird bis Anfang 2018 dauern Das Projekt „Erforschung und Dokumentation der NS-Medizinverbrechen im Rhein-Sieg-Kreis“ geht auf einen Antrag vom März 2015 zurück. Damals hatten CDU, SPD, Grüne und FDP eine wissenschaftliche Lokalstudie gefordert. Inzwischen hat die Kreisverwaltung den Auftrag an ein Forscherteam vergeben, das an der Universität Münster angesiedelt ist. Der Siegburger Ralf Forsbach, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, koordiniert das Projekt. Der offizielle Start ist für das zweite Halbjahr 2016 geplant.

„Lokalstudien aus Sicht der Landkreise fehlen bislang völlig“, sagte Forsbach im Ausschuss. „Der Rhein-Sieg-Kreis wird damit eine Vorreiterrolle einnehmen können.“ Wer waren die Täter und die zu Unrecht Betroffenen? Wie liefen die Verbrechen ab? Wie agierten die beteiligten Behörden? Und gab es vielleicht sogar Ansätze von Opposition und Widerstand im ehemaligen Siegkreis und im Landkreis Bonn? Das sind einige der Fragen, auf die die Wissenschaftler Anfang 2018 Antworten haben möchten. Bis dahin werten sie Literatur aus, durchsuchen Archive und durchforsten Hunderte Patientenakten. Einen Ansatzpunkt bietet laut Forsbach etwa die ehemalige Tötungsanstalt Hadamar in Mittelhessen. Sie war eine von sechs zentralen Mordstätten, in der rund 15 000 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen ermordet wurden.

„Wir werden erforschen, ob dorthin auch Menschen aus dem Rhein-Sieg-Kreis gelangt sind“, sagte Forsbach. Zudem möchte das Wissenschaftsteam mit Zeitzeugen oder deren Nachfahren sprechen. Der Fokus liegt dabei auf der Zeit zwischen 1934, als das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft trat, und dem Kriegsende 1945. „Wir können nicht leisten zu schauen, was danach passiert ist“, machte der Projektkoordinator deutlich. Die Ergebnisse sollen später als Monografie veröffentlicht werden. Zudem wollen die Forscher eine Namensliste erstellen. Forsbach: „Wir werden auch darüber nachdenken müssen, wie die Form eines Gedenkens aussieht.“ Das ist dem Kreis ein besonderes Anliegen. Vorstellbar sind etwa eine Gedenkausstellung und auch eine Präsentation der Ergebnisse im Internet.  

Rheinische Post, Radevormwald, 7. Juni 2016

ERSCHÜTTENDER VORTRAG ÜBER DIE NS-ZEIT IN DER STADT

http://www.rp-online.de/nrw/staedte/radevormwald/erschuetternder-vortrag-ueber-die-ns-zeit-in-der-stadt-aid-1.6029061

Radevormwald. Der Bergische Geschichtsverein berichtete im Bürgerhaus über "Zwangssterilisation und Euthanasie" in Radevormwald.

Von Cristina Segovia-Buendía

"In der NS-Zeit stand der Volkskörper über die Gesundheit des Individuums", sagte Referent Dr. Ralf Forsbach von den Universitäten Bonn und Münster. "Die Entwicklung der Medizin zu dieser Zeit verfolgte drei Ziele: der Entindividualisierung, der Entemotionalisierung und der Entrechtlichung. Das wichtigste Kriterium war die Arbeitsfähigkeit." Im Klartext: Wer nicht gesund genug war, um zu arbeiten, und auch sonst nichts Nützliches für die Gesellschaft beitragen konnte, dem drohte Zwangssterilisation oder gar umgebracht zu werden. Ein kalter Schauer durchzog viele der Anwesenden bei diesen harten, aber deutlichen Worten. Menschen mit Behinderung, psychischen oder physischen Einschränkungen wurden unter Vorwand in eine Klinik gebracht, wo sie, oft sehr schlecht versorgt, starben oder gleich mit einer Überdosis an Barbituraten (Schlafmittel) umgebracht wurden. Bei vererblich bedingten Behinderungen wurden Familienmitglieder zwangssterilisiert.

"Hans Rolf Selbach war mein Onkel", sagte Petra Ebbinghaus, nachdem Referent Forsbach das Schicksal von weit mehr als 200.000 Opfern des Euthanasie-Programms der Nazis anhand des damals 13-jährigen Radevormwalders verdeutlichen wollte. Selbach litt, nach einem Sturz und einer Kopfverletzung, an Epilepsie. Die Mutter brachte ihn zum Arzt, als es schlimmer wurde. Der Arzt schickte den Jungen zu einer Klinik in Mönchengladbach, wo er zunächst absichtlich mit Tuberkulose infiziert wurde, dann nach Klagenfurt in eine "Heilanstalt", wo er einen Tag später an einer Überdosis an Barbituraten starb. "Er wurde ermordet", sagte Ebbinghaus, "und ich bin nur auf der Welt, weil festgestellt wurde, dass die Epilepsie meines Onkels von einer Verletzung und nicht einer Vererbung stammt, sonst wäre wohl auch meine Mutter zwangssterilisiert worden." Seit vielen Jahren beschäftigt sich die 61-Jährige, die ihren Onkel nie persönlich kennenlernen konnte, mit ihrer Familiengeschichte, hat viele Akten studiert. "Alles konnte ich aber bis heute nicht komplett lesen, weil mir wirklich schlecht wird, bei dem, was da steht." Beim Gerichtsprozess wurde die Schwester, die dem jungen Rader das Mittel verabreichte, zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Arzt wurde zum Tode verurteilt und starb durch den Strang, erzählte Ebbinghaus. "Im Sommer will ich mit meinen Mann nach Klagenfurt fahren, um mir das anzusehen." Schwer wird es sicherlich werden. "Es berührt einen doch sehr. Auch wenn ich meinen Onkel nicht kannte, spüre ich doch eine Verbindung, wenn ich mich mit ihm beschäftige."

Dasselbe Schicksal wie dem jungen Hans Rolf Selbach ereilte auch, wie bislang feststeht, zwei weiteren Radevormwaldern: Hilde Hahne, die 47 Jahre alt wurde, und Paula Dürhager, die 51 Jahre alt. "Was genau mit Tante Paula geschah, weiß ich nicht", sagt Hans Dürhager. "Ich weiß nur aus Erzählungen, dass sie eine kluge Frau war, eine Näherin, und sie nach dem Brand des Familienbauernhofes in Rädereichen nach Lüttringhausen in den Tannenhof kam." Von dort aus wurde sie 1944 nach Weilmünster gebracht, wo sie ermordet wurde. Noch immer wohnt der Senior in Rädereichen. Dort wird kommenden Monat, am Mittwoch, 13. Juli, in Gedenken an seine Tante, zwischen 10 und 11 Uhr, ein Stolperstein von Gunter Demnig verlegt. Demnig wird sich an diesem Tag für die Aktion auch ins Goldene Buch der Stadt eintragen. Auch Hans Rolf Selbach wird dann vor seinem Elternhaus an der Burgstraße 2 einen dieser Erinnerungs-Stolpersteine erhalten, ebenso wie Hilde Hahne an der Elberfelder Straße 118. An ihre letzte Lebensstation, in der Klinik Hadamar, im hessischen Landkreis Limburg, wird der Geschichtsverein in zwei Wochen, am 25. Juni, als anschauliche Ergänzung zum Vortrag von Ralf Forsbach mit interessierten Bürgern eine Tagesfahrt unternehmen. Einige Plätze sind noch frei. Anmeldungen sind über den Bergischen Geschichtsverein möglich.

Infos im Internet unter www.bgv-radevormwald.de
Quelle: RP  

Kieler Nachrichten, 13. Mai 2016

Kieler Nachrichten, 7. Mai 2016

http://www.kn-online.de/News/Nachrichten-aus-Kiel/Historiker-Alfred-Schittenhelm-gilt-als-NS-Wegbereiter

FÜR HISTORIKER IST DER FALL KLAR

Kiel. Der Kieler Klinikdirektor Alfred Schittenhelm zählt als NS-Wegbereiter zu den politisch am stärksten belasteten Internisten. Nach aktuellen Erkenntnissen betrieb er 1933 die Absetzung des Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, Leopold Lichtwitz, wegen dessen jüdischer Abstammung. Für Kiel könnte Schittenhelms Rolle weitreichende Konsequenzen haben. Er ist nicht nur Ehrensenator der Kieler Christian-Albrechts-Universität (CAU). Nach ihm heißt ausgerechnet die Straße auf dem Klinikumsgelände, an der die Forschungsneubauten entstehen sollen.

Nach den Politikern jetzt die Professoren?

„Die vergangene Woche hat gezeigt, wie wichtig das Thema Aufarbeitung der NS-Zeit für Schleswig-Holstein und seine Institutionen bleibt“, verweist Uni-Präsident Prof. Lutz Kipp auf die gerade erschienene Studie eines Wissenschaftler-Teams aus Flensburg, das fast 400 Landespolitiker auf eine mögliche NS-Vergangenheit untersucht hatte. Danach war die Landespolitik in Schleswig-Holstein nach dem Zweiten Weltkrieg außergewöhnlich stark und lange von ehemaligen Nationalsozialisten dominiert. Ein Extremfall. Das gilt zwar nicht für die gesamte Kieler Universität, jedoch in Teilen für die Medizin. Schittenhelm ermöglichte medizinische Gleichschaltung Angeschoben hat die Diskussion über die unrühmliche Rolle der Ärzte während des Nazi-Regimes der Bad Segeberger Historiker Dr. Karl-Werner Ratschko. Er urteilte vor einem Jahr im Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt, dass erst der damals angesehene Direktor der Medizinischen Universitätsklinik, Alfred Schittenhelm, als überzeugter Nationalsozialist dem braunen Gedankengut Tür und Tor öffnete. Kaum war Leopold Lichtwitz von der Spitze der Fachgesellschaft vertrieben, indem er zum Rücktritt gezwungen wurde, folgte ihm der Kieler als Vorsitzender nach. Erst Schittenhelm habe die kompromisslose Gleichschaltung der Medizin in Kiel ermöglicht, „war Protagonist und Profiteur“, bestätigt auch der Historiker Dr. Ralf Forsbach, der zusammen mit seinem Münsteraner Kollegen Prof. Hans-Georg Hofer die NS-Verstrickungen der Fachgesellschaft für Innere Medizin erhellen sollte. Die Gesellschaft hatte im April 2015 erklärt, zu ihrer historischen Verantwortung stehen zu wollen und die beiden Sachverständigen im Rahmen ihrer Ausstellung über die Zeit im Nationalsozialismus mit Untersuchungen beauftragt. Den an NS-Unrecht Beteiligten wie Schittenhelm die Ehrenmitgliedschaft nachträglich abzuerkennen, davon sieht die Mediziner-Gesellschaft jedoch ab – mit der Begründung, die Verfehlungen von Mitgliedern im historischen Gedächtnis zu verankern, aber auch um zu verdeutlichen, wie diese Vergehen über lange Zeit verdrängt oder verschwiegen wurden.
 
Ehrensenator-Entzug und Straßenumbenennung möglich

Nach Angaben Kipps befasst sich der Kieler Universitätssenat am 11. Mai mit der Frage, ob er Schittenhelm nach Vorlage der Ergebnisse den Titel eines Ehrensenators posthum entzieht oder nicht. Einen Rat, wie die Universitätsspitze mit dem heiklen Fall verfahren soll, will Historiker Forsbach zwar nicht geben. Aber eines steht für ihn angesichts der eindeutigen und frühzeitigen Positionierungen des Mediziners gegen die „Verjudung“ und für die konsequente Umsetzung der „Rassenhygiene“ fest: „Dies ist kein Mann, den man mit einer Straßenbenennung ehren sollte.“ An der Schittenhelmstraße liegen die Uni-Hautklinik und Teile der Inneren Medizin. Die Stadt hält eine mögliche Umbenennung für unproblematisch. Für den Anstoß, am besten durch die Universität, müsste jedoch eine entsprechende Begründung vorliegen, „die in diesem Fall auf neuen Erkenntnissen über die Person des Namensgebers beruht“, so ein Sprecher.

General-Anzeiger, 18. April 2016

http://www.general-anzeiger-bonn.de/region/sieg-und-rhein/siegburg/Bis-heute-ist-Pater-Lohausen-ein-Vorbild-article3234392.html

BIS HEUTE IST PATER LOHAUSEN EIN VORBILD

SIEGBURG. Eine Gedenktafel am Haus Kaiserstraße 117 erinnert an den Siegburger NS-Widerstandskämpfer. Am 6. Januar 1943 wurde Pater Raymund Lohausen (1897-1948) in seinem Eltern- und Wohnhaus an der Kaiserstraße 117 verhaftet. Man brachte ihn in das Konzentrationslager Dachau, wo er fast zwei Jahre verbrachte. Der Priester starb an den Folgen der Haft. Von 1935 bis 1943 wirkte er als Geistlicher in der Gemeinde St. Anno und setzte die christliche Nächstenliebe gegen die NS-Ideologie. Am Samstag, 16. April, an Lohausens 119. Geburtstag enthüllte Siegburgs Bürgermeister Franz Huhn in seiner Funktion als Vorsitzender des Geschichts- und Altertumsvereins für Siegburg und den Rhein-Sieg-Kreis (GAV) am vergangenen Samstag eine Gedenktafel an der Fassade Kaiserstraße 117. Initiiert wurde die Enthüllung vom heutigen Eigentümer des Gebäudes, Rudi Böckem, sowie Wilfried Dreck und dem Historiker Ralf Forsbach, die Unterstützung vom GAV und der Kirchengemeinde Sankt Servatius erhielten. Unter großer Anteilnahme der Bürger, Kirchenmitglieder und Geistlicher würdigte Huhn den mutig aufgetretenen Zisterzienserpater. Er hoffe, „dass wir nie wieder solche Zeiten erleben müssen“, sagte der Bürgermeister. Kreisdechant Thomas Jablonka sagte, Lohhausen sei ein Vorbild und fügte hinzu: „Auch in der heutigen Zeit sind wir aufgefordert, Farbe zu bekennen.“ Zu der feierlichen Enthüllung war auch Elisabeth Kollberg gekommen, die Lohausen gut gekannt hat und sich an seine Verhaftung erinnerte. Sie freue sich, dass der Priester auf diese Weise für sein Engagement geehrt würde, so die 93-Jährige. Sie gehörte einer von Lohausen im Juli 1938 gegründeten Arbeitsgemeinschaft (AG) junger Frauen an, die der NS-Ideologie in vieler Hinsicht widersprach, wie Forsbach berichtet, der sich intensiv mit dem Leben des Paters beschäftigt hat. Nach seinen Recherchen kam es zu etwa 200 Arbeitsabenden der sogenannten „AG am eckigen Tisch“, an denen jeweils durchschnittlich 25 junge Frauen teilnahmen. Neben der in einem engeren Sinne religiösen Schulung habe eine moderne persönlichkeitsbildende Arbeit gestanden, die in Leitsätzen wie dem folgenden mündeten: „Ich als Frau bin so frei geboren wie der Mann“. In einem Protokoll sei zu lesen: „Der Junge ist etwas anderes als ein Mädchen, aber nichts Besonderes. Mädchen dürfen es den Jungen gleichtun wollen an Wissen, Können und Ausdauer, aber nicht aus Abneigung gegen weibliche Pflichten oder aus dem Gefühl der Minderwertigkeit.“ Den Nationalsozialisten blieb solches Tun laut Forsbach nicht verborgen, zumal Lohausen seit 1938 auch als Leiter des Mädchenchores über Einflussmöglichkeiten verfügt habe. „Kamen ihm bekannte Mädchen und Jungen in Lager des Reichsarbeitsdienstes, pflegte er mit diesen eine umfassende Korrespondenz, um die geistliche Betreuung aufrecht zu erhalten. Dies aber war verboten und wurde vom Sicherheitsdienst (SD) des Reichsführers-SS am Kölner Appellhofplatz zum Anlass genommen, Lohausen festzunehmen. Am Dreikönigstag 1943 wurde er morgens um 9 Uhr verhaftet“, so der Historiker. (Paul Kieras)

Rhein-Sieg-Rundschau (Kölnische Rundschau), 18. April 2016

Rhein-Sieg-Anzeiger (Kölner Stadt-Anzeiger), 18. April 2016

Ärzte Zeitung, 8. Mai 2015


ÄZ vom 08. Mai, Seiten 18 u. 19.pdf


http://www.aerztezeitung.de/panorama/article/885468/70-jahre-kriegsende-internisten-buerde-nazizeit.html

70 JAHRE KRIEGSENDE. INTERNISTEN UND DIE BÜRDE DER NAZIZEIT

70 Jahre nach dem Ende der Nazi-Herrschaft arbeitet die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin ihre eigene Geschichte in der NS-Zeit auf - radikal und ohne Tabus.

Von Christoph Fuhr

MANNHEIM. Als alles vorbei war, der Krieg verloren, Deutschland von der Herrschaft der Nazis befreit, da erhielt Professor Hans Eppinger eine Vorladung zum Nürnberger Ärzteprozess. Er sollte sich mitverantworten für perfide Meerwasserversuche mit Häftlingen, die sein Assistent Wilhelm Beiglböck im Konzentrationslager Dachau gemacht hatte. Eppinger fuhr nicht nach Nürnberg. Er nahm sich im September 1946 das Leben. 1879 als Sohn eines Pathologen geboren, war Eppinger in der Nazi-Zeit Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM). Seine Lebensgeschichte, sein Selbstverständnis als Arzt und seine Beziehung zum NS-Regime werden aufgearbeitet in einer historischen Untersuchung, die die DGIM beim Internistenkongress in Mannheim vorgestellt hat.

Seit 2002 haben Professor Hans-Georg Hofer von der Uni Münster und Privatdozent Ralf Forsbach vom Medizinhistorischen Institut Bonn, systematisch die Geschichte der DGIM in der Zeit des Nationalsozialismus unter die Lupe genommen. Eppinger, Mitglied der NSDAP ab 1937, der in der Untersuchung als "schwieriger Charakter" dargestellt wird ("er öffnete die Arteria radialis eines Patienten ohne medizinischen Grund", "er stahl die Katze einer Oberschwester für einen Tierversuch"), steht beispielhaft für Menschen, die im Kontext ihrer DGIM-Mitgliedschaft im Nachhinein auf ihre Glaubwürdigkeit überprüft werden.

Es geht dabei nicht nur um Täter und um mehr oder weniger angepasste Mitläufer. Es geht auch um Ärzte, die konsequent jede Anpassung an die Wertewelt der Nazis verweigerten, schlichtweg Opfer waren und nicht selten Deutschland verlassen mussten. Manchen gelang es, im Ausland wieder Fuß zu fassen, andere starben verbittert, weil sie die dramatischen Ereignisse der Flucht und Ausgrenzung nie verarbeiten konnten. Konsequent haben die beiden Historiker Geschichte aufgearbeitet und dabei auch Medizinverbrechen nicht ausgeklammert, an denen Ärzte aus den Reihen der Fachgesellschaft beteiligt waren.

Kurt Plötner etwa, DGIM-Mitglied und zuletzt SS-Sturmbannführer, infizierte als Assistenzarzt im KZ Dachau Gefangene mit Malaria. Weil eine heilende Wirkung erwartet wurde, steigerte man künstlich das Fieber der Häftlinge. Das endete für mehrere Versuchsopfer mit dem Tod.

Das DGIM-Ausschussmitglied Siegfried Handloser, Chef des Sanitätswesens der Wehrmacht, wurde zehn Jahre nach der Aufnahme in die DGIM im Nürnberger Ärzteprozess wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt. Handloser wurde zum Verantwortlichen für Medizinverbrechen im Bereich von Wehrmacht und Waffen-SS schlechthin, er war umfassend über Humanexperimente an KZ-Insassen informiert, ohne je zu intervenieren. Neben Reichsärzteführer Gerhard Wagner gilt Handloser als einflussreichster Arzt des NS-Apparats, der zugleich auch einem Gremium der DGIM angehörte.

Der heutige DGIM-Generalsekretär Professor Ulrich R. Fölsch aus Kiel bezeichnete die in Mannheim vorgelegte Untersuchung als einen "wichtigen und notwendigen Schritt für die Fachgesellschaft. Die geschichtliche Aufarbeitung erinnert nicht nur an Geschehenes, sie schärft auch den Blick auf die Gegenwart und ruft ins Bewusstsein, wozu Menschen in der Lage sind", sagte er.

Die Arbeit zeigt, dass nach dem Krieg manche Ärzte aus den Reihen der DGIM wieder weitgehend unbehelligt praktizieren konnten, obwohl sie sich in der NS-Zeit schuldig gemacht hatten. Deutlich wird aber auch, das es mit Blick auf die nachträgliche Bewertung eines Lebenswerkes auch in der NS-Zeit ein "nur gut" und "nur schlecht" nicht gibt. Die DGIM entschloss sich nach einer ersten Analyse der Recherchen, die von 1996 bis 2010 verliehene Gustav von Bergmann Medaille 2013 durch die Leopold Lichtwitz Medaille zu ersetzen. "Gustav von Bergmann war zwar ein herausragender Arzt", sagt Fölsch, "aber als Prodekan an der Berliner Charité 1933 setzte er diskussionslos in der Fakultät um, dass 1933 alle Juden entlassen wurden." Er erschien als nüchterner Vollstrecker des NS-Unrechts, machte sich allerdings später, wie die Autoren der Studie klarstellen, "nicht zum blinden Erfüllungsgehilfen der NSDAP." Dass die höchste DGIM-Auszeichnung jetzt den Namen von Leopold Lichtwitz trägt, ist nach den Ergebnissen der Untersuchung keineswegs überraschend.

Lichtwitz, renommierter Stoffwechselforscher und Leiter der Inneren Abteilung des Virchow-Krankenhauses in Berlin, war 1932 mit der Leitung des Internistenkongresses ein Jahr später betraut worden. Doch im Januar 1933 wurde Hitler Reichskanzler, und danach überschlugen sich die Ereignisse. "Sehr schnell hielt man es in der DGIM für inopportun, einen von den neuen, antisemitischen Machthabern als Juden klassifizierten Arzt mit dieser Aufgabe betraut zu lassen", heißt es im Buch zur Ausstellung. Lichtwitz wurde schlicht und ergreifend von seinen DGIM-Kollegen aufs Abstellgleis gestellt. Er verließ notgedrungen Deutschland, ging später in die USA, bekam eine leitende Position in einem New Yorker Krankenhaus und wurde Professor an der Columbia University. Weiter recherchierte Fakten der Historiker lassen allerdings erhebliche Zweifel, ob sein Leben dort wirklich glücklich verlief.

Die wissenschaftliche Arbeit der DGIM ist nicht beendet. Für 2018 plant die Fachgesellschaft eine umfangreiche Monographie zum brisanten Thema Vergangenheitsbewältigung.

Warum aber kommt diese Aufarbeitung erst jetzt, 70 Jahre nach Kriegsende, zu einem Zeitpunkt also, an dem praktisch alle, die in der Nazizeit in irgendeiner Weise Verantwortung trugen, längst gestorben sind? Beim Kongress in Mannheim stellten sich manche Besucher der Ausstellung diese Frage, und sie scheint nicht ganz unberechtigt. Eines wird man der DGIM allerdings nicht länger vorwerfen können: Dass sie fatales Fehlverhalten von nicht wenigen ihrer damaligen Mitglieder in einer schlimmen Phase deutscher Geschichte immer noch unter den Tisch kehren würde.

Täter, Mitläufer und Opfer
Internisten auf der Flucht vor den Nazis

Walter Griesbach
, Internist in Hamburg, wird 1934 die Lehrerlaubnis entzogen. Nach Entzug der Approbation 1938 arbeitet er als „jüdischer Krankenbehandler“. Er wird zur Emigration gedrängt, flieht mit Familie nach Neuseeland, erhält dort keine Zulassung als Arzt, widmet sich ausschließlich Forschung und Lehre.

Erwin Jacobsthal
, Oberarzt mit jüdischen Wurzeln am Allgemeinen Krankenhaus Hamburg, wird die Lehrbefugnis am 31. Juli 1933 entzogen. Die NS-Zeitung „Hamburger Tagblatt“ nennt seinen Namen im Artikel „Es wird gesäubert!“ 1933 wandert Jacobsthal nach Guatemala aus und wird dort Leiter eines Kliniklabors 

© 1997-2015 by Ärzte Zeitung Verlags-GmbH

 




http://praxis.medscapemedizin.de/artikelansicht/4903557, 22. April 2015

DIE DEUTSCHEN INTERNISTEN STELLEN SICH IHRER GESCHICHTE IM NATIONALSOZIALISMUS

Von Maren Schenk    


Mannheim – 70 Jahre nach den Gräueltaten im „Dritten Reich“ arbeitet die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) ihre nationalsozialistische Vergangenheit auf. „Die Ergebnisse dieser Aufarbeitung haben mich erschüttert und sehr nachdenklich gemacht“, sagte Prof. Dr. Michal Hallek, Vorsitzender der DGIM und diesjähriger Kongresspräsident: „Wir Internisten haben uns in dieser Zeit offensichtlich nicht unterschieden vom Rest der Bevölkerung – und das, obwohl wir unseren Beruf mit hohem ethischem Anspruch erfüllen“, so der Direktor der Klinik I für Innere Medizin, Universitätsklinikum Köln. Seit 2012 erforschen Historiker des Medizinhistorischen Instituts der Universität Bonn systematisch die Geschichte der DGIM seit 1933. Die ersten Ergebnisse sind in einer Ausstellung auf dem diesjährigen Internistenkongress und in einer Begleitpublikation der Öffentlichkeit präsentiert worden [1]. Darin werden Schicksale verfolgter DGIM-Mitglieder und Oppositioneller dokumentiert, Täter und Mitläufer benannt, aber auch Medizinverbrechen und Menschenversuche exemplarisch dargestellt. 

Aufarbeitung nach 70 Jahren

„Wir wollten diese Zeiten aufarbeiten, um uns immer wieder bewusst werden zu lassen, was geschehen kann, wenn man nicht sein unabhängiges Denken bewahrt“, mahnte der Generalsekretär der DGIM, Prof. Dr. Ulrich Fölsch, Kiel. Denn dieses unabhängige Denken sei damals auf der Strecke geblieben. Einer der Auslöser für die Aufarbeitung der Geschichte der DGIM war ein Geschenk, das Fölsch anlässlich des Kongresses 2004 bekam: ein älteres Buch mit den ursprünglichen Reden der Vorsitzenden aus der NS-Zeit. „Noch nicht geschönt“, wie er betonte, „denn im Jubiläumsband von 1982 fehlten viele Passagen“ – nämlich die, die eine Nähe zur nationalsozialistischen Ideologie aufwiesen. Auch andere Fachgesellschaften hatten sich spät ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit gestellt, zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie 2011 und die für Psychiatrie 2010. So hat die DGIM im Rahmen eines Forschungsprojekts Historiker der Universität Bonn beauftragt, die Geschichte der DGIM in den Jahren des Nationalsozialismus und den Jahrzehnten danach aufzuarbeiten. „Wir müssen uns mit unserer Vergangenheit beschäftigen. Wir wollen Bescheid wissen über die Täter. Wer musste leiden, wer wurde verfolgt?“, so Fölsch.

Mitgliederschwund durch Antisemitismus

Im Jahr 1932 hatte die DGIM 1.223 Mitglieder, 1935 waren es nur noch 1.101: 10% ihrer Mitglieder gingen mit Beginn der NS-Diktatur „verloren“ – zahlreiche jüdische Mitglieder mussten die DGIM ab 1933 verlassen. So auch der damalige Vorsitzende und designierte Kongresspräsident Leopold Lichtwitz: Kurz vor dem Kongress 1933 in Wiesbaden wurde er „aus rassistischen Gründen“ von der DGIM-Spitze zum Rücktritt gezwungen. „Ohne Widerspruch im Ausschuss – das hat uns enorm zu denken gegeben“, sagte Fölsch. Lichtwitz emigrierte schließlich in die USA und erhielt eine leitende Position im Montefiore Hospital in New York. In der Ausstellung werden weitere, sehr unterschiedliche Schicksale und Lebensläufe von verfolgten DGIM-Mitgliedern vorgestellt, berichtete PD Dr. Ralf Forsbach, Medizinhistorisches Institut der Universität Bonn, auf der Pressekonferenz zur Ausstellung [2]. Der Historiker erforscht zusammen mit Prof. Dr. Hans-Georg Hofer, Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, Universität Münster, die Geschichte der DGIM.

Da die DGIM selbst nur wenige Dokumente aus der NS-Zeit besitzt, mussten die beiden Historiker in privaten und öffentlichen Archiven recherchieren, nationalen wie internationalen, z.B. im Bundesarchiv in Berlin, in Personalakten in Universitäten, in Bibliotheksarchiven oder im Archiv der DFG. Hinzu kamen Zufallsfunde – so der Nachlass eines Rechtsanwalts in Wien, der die Humanexperimente in Dachau dokumentiert. Ein Teil der Korrespondenz der DGIM mit Berliner Behörden lagert in einem Archiv in Stanford, Kalifornien. „Unsere Arbeit soll eine intensive und anhaltende Auseinandersetzung mit den Geschehnissen ermöglichen. Man kann die Vergangenheit nicht bewältigen, sondern man muss sie aktiv in Erinnerung rufen“, erklärte Hofer.  

Wenig Widerstand

Die auf Lichtwitz folgenden DGIM-Vorsitzenden agierten trotz unterschiedlicher Nuancen im Sinne des Nationalsozialismus. Der direkt nachfolgende Präsident Alfred Schittenhelm brachte die DGIM zügig auf NS-Kurs. Er steht, wie viele Funktionsträger in den Anfangsjahren des Dritten Reiches, für die „Selbstgleichschaltung“ von Organisationen. Erschreckend für Fölsch: „Schittenhelm fand mit seiner Politik der ‚Gleichschaltung‘ innerhalb der DGIM die Unterstützung aller Gremien – ohne Diskussion, ohne Widerspruch.“ Gerade in den Führungsgremien seien Beispiele für unabhängiges Denken und Opposition rar gewesen. „Eine Ausnahmeerscheinung war der spätere Münchner Klinikdirektor Walter Seitz, der Verfolgte nicht nur medizinisch behandelte, sondern auch mit überlebenswichtigen Ausweispapieren versorgte“, berichtete Forsbach. Er gehörte zur Berliner Widerstandsgruppe „Onkel Emil“: Deren Mitglieder versuchten, oft erfolgreich, Verfolgte in Sicherheit zu bringen. Paul Martini, 1948 erster Nachkriegs-Vorsitzender der DGIM, wagte lauten Widerspruch gegen die von Nationalsozialisten verfochtene „Neue Deutsche Heilkunde“. Allerdings beteiligte er sich auch an der Kriegsforschung und nach dem Ende des NS-Regimes irritierte seine Milde gegenüber Vertretern des Nationalsozialismus, wie die Historiker im Begleitband schreiben [3]. „Oppositionelle haben darauf hingewiesen, dass uns nur eine wissenschaftlich begründete Medizin weiterbringen kann, dass man nicht eine diktierte Medizin machen soll“, betonte Fölsch: „Aber solche Leute haben wir in großen Teilen in der DGIM vermisst.“

Humanexperimente in Konzentrationslagern

DGIM-Mitglieder beteiligten sich auch an NS-Medizinverbrechen wie Zwangssterilisationen und unrechtmäßigen Humanexperimenten. Auch diese Menschenversuche werden in der Ausstellung gezeigt. So die Humanexperimente zur Trinkbarmachung von Salzwasser im Konzentrationslager Dachau, die u.a. der DGIM-Vorsitzende Hans Eppinger und der Berliner Pharmakologe Wolfgang Heubner, DGIM-Mitglied, vorbereitet hatten. Hintergrund war die Erfahrung, dass Kampfpiloten, die nach einem Absturz tagelang im Meer getrieben waren, scheinbar unverletzt gerettet wurden, dann aber doch starben. In der Ausstellung werden die Versuche aus Opferperspektive geschildert.   Der Vorsitzende von 1940, Hans Dietlen, war an Zwangssterilisationen beteiligt. Zentrale Figur bei Hepatitis-Versuchen an Kindern im KZ Sachsenhausen war Kurt Gutzeit, Breslauer Ordinarius und 1934 in den Ausschuss der DGIM gewählt. Der Militärarzt Siegfried Handloser wurde 1937 Mitglied der DGIM und sofort auch Mitglied in deren Ausschuss. 1942 wurde er Chef des Wehrmachtssanitätswesens („Chef W San“), ihm oblag damit die Dienstaufsichtspflicht über die in den Konzentrationslagern verbrecherisch wirkenden Sanitätsoffiziere: Er war umfassend über die Humanexperimente an KZ-Insassen informiert, intervenierte aber nie. Außerdem war er beteiligt, als Humanexperimente zum Testen von Fleckfieberimpfstoffen im KZ Buchenwald beschlossen wurden.

Folgen für die DGIM  

Die dokumentierten Forschungsergebnisse könnten nicht ohne Folgen bleiben, betonte Fölsch: „Wir müssen aufpassen, dass wir keine Aushängeschilder in unserer Gesellschaft haben, die möglicherweise keine Aushängeschilder sind.“ So haben die Historiker herausgefunden, dass der DGIM-Präsident 1931/32 Gustav von Bergmann als Prodekan der Berliner Charité 1933 ein nüchterner Vollstrecker des NS-Unrechts war und diskussionslos in der Fakultät umsetzte, dass alle jüdischen Klinikmitarbeiter entlassen wurden. Daher entschloss sich die DGIM, die von 1994 bis 2010 verliehene Gustav-von-Bergmann-Medaille 2013 durch die Leopold-Lichtwitz-Medaille zu ersetzen. „Auch hat uns beschäftigt, dass wir unter der großen Zahl von Ehrenmitgliedern der DGIM auch solche haben, die teilweise schwer belastet sind – oder auch weniger belastet sind, aber Diskussionsbedarf besteht“, so Fölsch. So wurde beispielsweise 1949 Alfred Schittenhelm Ehrenmitglied der DGIM, 1952 Wolfgang Heubner. Nach langen Diskussionen hat sich die DGIM entschieden, „dass wir am Status Ehrenmitglied derzeit nicht rühren, weil es sehr viele Grenzbereiche gibt“, so Fölsch gegenüber Medscape Deutschland. Jahrzehnte nach 1945 werden noch aufgearbeitet Auch die Jahre nach 1945 sollen noch untersucht werden, denn 1945 sei keine „Stunde Null“ gewesen, so Hofer: „Manche schuldig gewordenen Ärzte praktizierten weiter. Andere zerbrachen an ihrem Schicksal und nahmen sich das Leben. Wieder andere wurden verurteilt. Einige kehrten aus der Emigration zurück.“ Wenn auch die Zeit bis 1973 aufgearbeitet ist, soll voraussichtlich 2018 eine umfassende wissenschaftliche Monographie erscheinen. Für Hallek ist es wichtig, „die Erinnerung wachzuhalten und keinen Schlussstrich zu ziehen“. Und persönlich zieht er für sein ärztliches Handeln auch diese Erkenntnis: „Wenn jemand sagt, dieses und jenes muss man erforschen – gar nichts muss man – man muss freie Gedanken haben.“  

Wir wollten diese Zeiten aufarbeiten, um uns immer wieder bewusst werden zu lassen, was geschehen kann, wenn man nicht sein unabhängiges Denken bewahrt.
Prof. Dr. Ulrich Fölsch      

Wir Internisten haben uns in dieser Zeit offensichtlich nicht unterschieden vom Rest der Bevölkerung – und das, obwohl wir unseren Beruf mit hohem ethischem Anspruch erfüllen.
Prof. Dr. Michal Hallek  

Man kann die Vergangenheit nicht bewältigen, sondern man muss sie aktiv in Erinnerung rufen.
Prof. Dr. Hans-Georg Hofer    

Wenn jemand sagt, dieses und jenes muss man erforschen – gar nichts muss man – man muss freie Gedanken haben.
Prof. Dr. Michal Hallek    


Die DGIM bekennt sich zu ihrer historischen Verantwortung

„Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin ist beschämt, weil es 70 Jahre dauerte, bis ihr Handeln in der Zeit des Nationalsozialismus wissenschaftlich untersucht und öffentlich gemacht wurde. Sie distanziert sich von jedem Akt der Anpassung an das Unrechtsregime, der Ausgrenzung und Verfolgung von Mitgliedern und Nichtmitgliedern sowie den Verbrechen, die Mitglieder der Fachgesellschaft begangen haben. Sie verurteilt ausdrücklich die Vertreibung von Kolleginnen und Kollegen jüdischer Herkunft. Sie verurteilt zudem zutiefst die Misshandlung und Tötung von Menschen in Konzentrationslagern, Lazaretten und Kliniken zu angeblich medizinischen Zwecken.“

Quelle: Begleitband zur Ausstellung „Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin in der NS-Zeit“

Referenzen
1. 121. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), 17. bis 21. April 2015, Mannheim
2. Vorab-Pressekonferenz der DGIM, 16. April 2015, Mannheim
3. Forsbach R, et al: Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin in der NS-Zeit. 2015

  

 

spektrum.de, 17. April 2015

RAF-GESCHICHTE: ALS AUS PATIENTEN TERRORISTEN WURDEN

Von Theodor Schaarschmidt

http://www.spektrum.de/news/als-aus-patienten-terroristen-wurden/1342009






General-Anzeiger, 31. Dezember 2013 (hier nach der Online-Ausgabe)

UNIVERSITÄTSGESCHICHTE. SCHRIFT BETRACHTET „STUDIEREN IN BONN VON 1818 BIS ZUR GEGENWART“

Von Annette Claus


BONN. Die Bonner Studentengeschichte ist weniger erforscht, als man erwarten könnte. Das stellt Universitätsarchivar Thomas Becker im Vorwort des Buches "Bonna Perl am grünen Rheine" fest. Und sie hat sich weniger im Stadtbild niedergeschlagen, als man vermuten könnte.

Als an Heiligabend 2006 die Gaststätte "Im Hähnchen" am Münsterplatz ihren Schankbetrieb einstellte, sei der Stadt nicht nur ein Stück Kneipenkultur verloren gegangen, sondern auch eines der wenigen Monumente für Bonner Studenten im 19. Jahrhundert, schreibt Jens-Peter Müller in seinem Beitrag über Bonner Studenten im Vormärz.

Geblieben ist jedoch der Studentenbrunnen auf dem Schlosskirchenhof mit seinen Zeugnissen der studentischen Kultur des 19. Jahrhunderts. Die Reliefs zeigen - neben anderem - das Fechten und ausschweifendes Trinken in der Gastwirtschaft als prägende Elemente der Bonner Studentenkultur. Akademisch ausgedrückt: "Das Trinken besaß für die Ausführenden eine identitätsstiftende Wirkung", schreibt Müller, es "unterstrich die studentische Sonderstellung und schuf eine gewollte Abgrenzung zu anderen Bevölkerungsgruppen".

Mit dem Alkoholkonsum einher ging nächtliche Ruhestörung - zumal die Studenten per Universitätsgesetz gezwungen waren, die Kneipe um elf Uhr abends zu verlassen, was zu regelmäßigen Aufläufen vor allem am Obelisken auf dem Marktplatz führte, wo sich die Studenten nach der Sperrstunde trafen.

Karzerstrafen spiegeln diese Unsitten wider. Auch Karl Marx saß einst wegen Ruhestörenden Lärms im universitären Gefängnis ein. Der Verfasser des Kommunistischen Manifests studierte 1835 und '36 in Bonn Jura und war auch in anderer Hinsicht als Student keine Ausnahme: Er schloss sich einer studentischen Verbindung an, wohl wegen seiner Herkunft der Landsmannschaft der Treveraner (Trierer).

Die Burschenschaften und Landsmannschaften waren typisch für das bis zur Wende zum 20. Jahrhundert rein männliche Studentenleben. In den viereinhalb Jahrzehnten des Kaiserreichs sie die Zahl der Bonner Studentenverbindungen explodiert, schreibt Dominik Geppert. Seit den 1890er Jahren nahmen viele Verbindungen keine Juden mehr auf - deshalb entstanden eigene jüdische Korporationen, die wie die übrigen Duell und Mensur pflegten.

In den Jahren der Weimarer Republik habe sich im rheinisch-katholisch-liberalen Bonn eine republikfeindlich-nationalistische Gesinnung zunächst nicht durchsetzen können, schreibt Ralf Forsbach in seinem Artikel "Studieren in der NS-Zeit". Doch dies blieb nicht so. Es kam zu Boykott-Aufrufen gegen sozialdemokratische, linksliberale und der KPD nahestehende Dozenten, die Zahl der jüdischen Studenten sank. Die Universität, so Forsbach, "war alles andere als ein Hort des Widerstands".

Es habe nur einzelne Studenten gegeben, die Widerstand organisierten. Einer von ihnen war der 1918 in Euskirchen-Kuchenheim geborene Willi Graf, ein herausragender Vertreter der "Weißen Rose". Er studierte zeitweise in Bonn und später in München und versuchte, in Bonn eine Flugblattaktion zu organisieren - wovon ihm die dortigen Ansprechpartner wohl abrieten. Am 18. Februar 1943 wurde Willi Graf in München verhaftet, am 12. Oktober wurde er hingerichtet.

Am 8. und 9. März 1945 eroberten amerikanische Truppen Bonn. Schon kurz darauf begann die Universität mit ihrer Reorganisation. Um 1950 habe sich ein Wandel in der Studentenschaft vollzogen, schreibt Christian George. "Der Idealismus, der die erste Nachkriegsstudentengeneration noch beseelt hatte und der... im Hinblick auf die Neugestaltung studentischer Vereinigungen, die Geschlechterbeziehungen und das politische und universitäre Engagement der Studenten sichtbar wurde, konnte von der nachrückenden Studentengeneration... nicht aufrechterhalten werden."

Trotz Vorlesungsstörungen, einem "Anti-Dies" mit dem Redner Rudi Dutschke 1967, trotz einer Demonstration am 11. Mai 1968 gegen die Notstandsverfassung - "Bonn war sicherlich trotz seiner besonderen politischen Bedeutung als Hauptstadt kein Zentrum der Studentenrevolte in Westdeutschland Ende der 60er Jahre", fasst Christian Hillgruber zusammen. Sein Erklärungsansatz: Unter den Studenten waren die Rheinländer in der Mehrzahl, "und der Rheinländer ist von seinem Naturell bekanntlich nicht sonderlich revolutionsgeneigt".

Thomas Becker (Hg.): Bonna Perl am grünen Rheine. Studieren in Bonn von 1818 bis zur Gegenwart, Bonner Schriften zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte 5, V&R unipress, Bonn 2013, 39,99 Euro

http://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/wissenschaft/schrift-betrachtet-studieren-in-bonn-von-1818-bis-zur-gegenwart-article1231746.html?&i=1#plx1334734657





General-Anzeiger, 21. November 2013, S. 26

DER PIONIER DER PUPILLOGRAFIE. ÜBER DEN JÜDISCHEN WISSENSCHAFTLER OTTO LÖWENSTEIN REFERIERTE RALF FORSBACH IM KLEINEN LEHRHAUS

 

GA, 21.11.2013.pdf



http://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/beuel/oberkassel/ralf-forsbach-referierte-ueber-juedischen-wissenschaftler-otto-loewenstein-article1200630.html



Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Oktober 2011, S. N3

DIE VERRISSE MACHEN FRITZ FISCHER ZUM KLASSIKER. FPDFÜNFZIG JAHRE "GRIFF NACH DER WELTMACHT": WAS BLEIBT VON DER DEUTSCHEN SONDERSCHULD FÜR 1914?

Von Ralf Forsbach

PDF: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.10.2011, S. N3





Rhein-Sieg-Anzeiger (Kölner Stadt-Anzeiger), 27./28. November 2010, S. 41 und S. 56

ARBEIT ZWISCHEN DEN DISZIPLINEN

Von Jens Höhner

Der Siegburger Medizinhistoriker Ralf Forsbach beschäftigt sich mit der Geschichte der Medizinischen Fakultät an der Bonner Universität zur Zeit des Nazi-Regimes. Sein besonderes Interesse gilt jedoch seiner Heimatstadt.

Siegburg – Stets ist ihr Platz zwischen den Stühlen. Ein Makel aber ist das nicht - auch wenn Ralf Forsbach sagt, dass die Medizinhistoriker von der einen Seite nicht unbedingt angenommen würden, während die andere sie ebenso wenig als angekommen betrachte. Ralf Forsbach ist so ein Medizinhistoriker. Aber gerade diese unbestimmte Position schätzt der 45 Jahre alte Siegburger: „Sie erlaubt das interdisziplinäre Forschen.“

So hat sich Forsbach in der Vergangenheit etwa mit der Medizinischen Fakultät an der Bonner Universität zur Zeit des Nazi-Regimes beschäftigt. Sein neuestes Projekt führt ihn indes in die jüngste Geschichte: „Die 68er und die Medizin“ ist sein Buch betitelt, das die Gesundheitspolitik und das Patientenverhalten in den Jahren zwischen 1960 und 2010 wissenschaftlich aufarbeitet. „Bisher wurde die Studentenbewegung immer mit Blick auf die Philosophischen Fakultäten betrachtet“, schildert Forsbach. „Doch es gibt Grund genug, zu fragen, wie die Revolution an anderen Instituten verlaufen ist.“

Damals nämlich, so Forsbach, nahmen sich die Studenten Zeit, um sich mit den Lehreinrichtungen und vor allem den Lehrenden zu beschäftigen, die Tag für Tag im Hörsaal vor ihnen standen. „Dabei trat so mancher braune Fleck zutage, der nie aufgearbeitet wurde.“ Mit anderen Worten: Angehende Mediziner recherchierten mit dem Handwerkszeug eines Historikers. „Heute ist den jungen Leuten ein derart interdisziplinäres Arbeiten unter dem Druck von Studienordnungen und Studiengebühren doch gar nicht mehr möglich“, klagt der Siegburger, der am Anno-Gymnasium das Abitur absolviert und dann in Bonn studiert hat. Daher begrüßt Forsbach die jüngste Änderung der Approbationsordnung, die künftigen Ärzten auch Wissen in Ethik und eben Geschichte vorschreibt.

Seit 1997 lehrt Forsbach selbst an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität. Aber nicht nur Studenten möchte er Wissen vermitteln: Derzeit ist er Mitglied einer Gruppe von Wissenschaftlern, die im Auftrag des Landschaftsverbandes Rheinland am Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte den Widerstand in den Jahren zwischen 1933 und 1945 dokumentieren. „Und zwar interaktiv“, sagt Forsbach. „Ziel ist es, im Internet eine Landkarte zu etablieren, auf der man per Mausklick alle Informationen über Auflehnungen gegen die Nazi-Herrschaft erhält.“ Zielgruppe seien vor allem Schüler. Forsbachs Thema ist dabei der Widerstand vonseiten der Sozialdemokraten, der Gewerkschaften sowie aus den Reihen der Sozialisten und Kommunisten.

Besonderes Interesse an Siegburg

Natürlich gilt besonderes Interesse der Heimatstadt Siegburg. „Der Weg vieler Widerstandskämpfer führte ins hiesige Zuchthaus“, sagt Forsbach und nennt als größtes Ereignis im Widerstand den Sturm auf das Volkshaus, das 16 Gewerk­schafter und Sozialdemokraten am 14. / 15. Februar 1933 gegen SA- und SS-Schergen verteidigten. Bei den nächtlichen Krawallen flogen Steine, ein SS-Mann wurde durch einen Kopfschuss getötet. „Vor dem Schwurgericht in Bonn wurde Anklage gegen sechs Sozialdemokraten wegen gemeinschaftlichen Totschlags erhoben“, berichtet Forsbach. „Dabei war es durchaus möglich, dass der SS-Mann von den eigenen Leuten erschossen worden war.“ Im März 1935 aber wurden die Verurteilten von höherer Instanz aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Ein mutiger Rechtsanwalt hatte die Wiederaufnahme des Verfahrens erreicht.

Das vitale Interesse an der deutschen Geschichte führt Ralf Forsbach auf den „politischen Geschichtsunterricht“ in Pennälertagen am Anno-Gymnasium zurück. „Unser Lehrer im Leistungskurs, Norbert Duve, konnte polarisieren, an seinen Thesen konnten wir uns reiben“, erzählt Forsbach. Ohnehin sei die Zeit damals spannend gewesen: Die Regierung Helmut Schmidts zerbrach, Helmut Kohl wurde Kanzler.

Am Studium dann schätzte Forsbach die Freiheit, auch in andere Forschungsbereiche schnuppern zu können und sich auch mit Dingen abseits des vorgegebenen Lehrplans beschäftigen zu dürfen, etwa in Arbeitskreisen. „Niemand studierte nur so vor sich hin“, erinnert sich Forsbach. „Wir hatten eine Freiheit, die uns heute nicht mehr vorgelebt wird.“ Seinem Sohn Elias, im August geboren, möchte der Siegburger jene Offenheit vermitteln. Auch wenn das womöglich zwischen den Stühlen endet.

Infokasten: Aus den Halbgöttern in Weiß wurden verständige Zuhörer

Ralf Forsbachs neues Werk „Die 68er und die Medizin“ beschäftigt sich auch mit dem Verhältnis zwischen Arzt und Patient: „Aus dem Halbgott in Weiß, dessen Wort Gesetz war, wurde ein verständiger Zuhörer.“ Ebenso habe sich der Patient gewandelt - „zum überkritischen Kunden, der alles aus dem Internet besser weiß“.

Grundlegende Veränderungen im Gesundheitswesen macht Forsbach vor allem im Bereich der Psychiatrie aus, etwa mit der Entstehung von Tageskliniken. „Die Formen der Therapien haben sich grundlegend gewandelt, früher wurden die Menschen als »irre« abgestempelt und in geschlossene Anstalten abgeschoben.“

Ralf Forsbach: „Die 68er und die Medizin - Gesundheitspolitik und Patientenverhalten in der Bundesrepublik Deutschland (1960-2010)“, etwa 350 Seiten, Bonn University Press bei V & R Unipress GmbH, etwa 50 Euro; voraussichtliches Erscheinungsdatum laut Verlag: März 2011. (höh)

www.ksta.de/html/artikel/1288741368810.shtml
www.ksta.de/servlet/OriginalContentServer?pagename=ksta/ksArtikel/Druckfassung&aid=1288741367932
www.ralf-forsbach.de
www.rheinische-landeskunde.lvr.de/kompetenz/Stadtgeschichte/widerstand/





Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Oktober 2010, S. 36

Prophete rechts, Prophete links: Eine Tagung über das Gewaltpotential von Weissagungen im globalen Vergleich

TANNA SCHAFTT SICH AB

Von Ralf Forsbach 

Als 1975 auf Initiative Oskar Köhlers das ortsungebundene „Institut für Historische Anthropologie“ gegründet wurde, nahm man zunächst biologienahe Themen in Angriff. Heinrich Schipperges, Eduard Seidler und August Nitschke gehörten zu den prägenden Gestalten der ersten Jahre. Bald erfuhren auch rechtliche und gesellschaftliche Fragestellungen Beachtung, bevor zuletzt – und damit wiederum früh einen Trend der Zeit erkennend – die Komplexe Religion und Religiosität in den Vordergrund rückten. Nachdem 2008 die „Reinheit“ Gegenstand der Erörterungen gewesen war, versammelten sich nun auf Einladung von Christoph Marx (Duisburg/Essen) und Peter Burschel (Rostock) Wissenschaftler verschiedener Disziplinen in Mülheim an der Ruhr, um über „Gewalterfahrung und Prophetie“ zu sprechen. Doch obwohl die Tagung an einer katholischen Akademie stattfand, fiel während der drei Tage in der Wolfsburg kein einziges Mal Namen wie Fatima oder Lourdes, Garabandal oder Medjugorje.

Am tiefsten in die Geschichte religiöser Erfahrungen in Europa drang der Beitrag von Susanne Lachenicht (Bayreuth) ein. Sie wandte sich den rekatholisierten Kryptokalvinisten in den französischen Cevennen zu. Nachdem das Edikt von Nantes aufgehoben war, gab es zwar formale Massenkonversionen, doch verweigerten die einstigen Kalvinisten häufig den Besuch der Messe oder heirateten nach protestantischer Tradition. Der Bischof von Nimes reagierte scharf; es kam zu Hinrichtungen. In dieser Situation der Bedrängnis erlebte das Hirtenkind Isabeau Vincent im Jahr 1688 Visionen, wurde zur Prophetin und rief dazu auf, weiterhin nicht zur Messe zu gehen. Das Ende der katholischen Kirche stehe bevor. Die Gewalt hatte Prophetie hervorgerufen und bewirkte Gewalt: Der Aufstand der hugenottischen Kämpfer, der Camisarden, war erst 1705 endgültig niedergeschlagen, die Region gänzlich verödet.

Als ein frühes Medienereignis deutete Andreas Pečar (Rostock) das Massaker von 1641, als die eine puritanische Gewaltherrschaft fürchtenden katholischen Iren etwa 12000 protestantische Siedler in Ulster töteten. Die gewaltpornographische Traktatliteratur mündete vielfach in der Voraussage, die Reformation werde bald vollendet und Rom als „Hure Babylon“ endgültig entlarvt. Zugleich wurde den Iren – wie indianischen und westafrikanischen Völkern – nachgesagt, sie gehörten zu den zehn verlorenen Stämmen Israels. Doch nicht deshalb erinnerte Gesa Mackenthun (Rostock) an das Massaker von Wounded Knee. Sie interpretierte die Ereignisse als Ergebnis der Furcht amerikani­scher Behörden, die unter den Lakota populär gewordene Geistertanzbewegung könnte einen Aufstand der Sioux provozieren. Immerhin wurde mit den Geistertänzen der Glaube an ein nahes Ende der Vormacht der Weißen und eine Rückkehr der Büffel verbreitet.

Weniger deutlich gegen die Weißen ist die John-Frum-Bewegung auf der melanesischen Insel Tanna gerichtet. Diesen Cargokult, der auf für die indigene Bevölkerung nur schwer erklärlichen Begegnungen mit dem Westen beruht, stellte Michael Dickhardt (Göttingen) vor. John Frum stammt diesem Glauben zufolge aus Amerika, ist Gottes Sohn und wohnt unter dem Inselvulkan Yasur. Bei einer Erscheinung warnte er angeblich davor, indogene Traditionen aufzugeben. Das aufständische Potential wurde so hoch bewertet, dass in den vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts etwa 140 führende Anhänger der John-Frum-Bewegungen zeitweilig deportiert wurden, obwohl dem Glauben durchaus die Hoffnung auf die Einfuhr westlicher Güter zueigen ist. 

Die mahdistischen Bewegungen des Islam gehen ins neunte Jahrhundert zurück. In der Regel wandten sie sich gegen Fremde, aber auch gegen das Establishment der eigenen Gesellschaften, dessen Verhalten, so Roman Loimeier (Göttingen), für koranfern und unislamisch erklärt wurde. In den Prophetien spielt dabei nicht nur der messianische Mahdi eine Rolle, sondern auch der nach ihm auf die Erde zurückkehrende Jesus, der vorhergehende Schwindler töten und die Welt erlösen wird.      

Ein noch näher an der Gegenwart liegendes Beispiel stellte Johannes Harnischfeger (Frankfurt am Main) vor. Er hat sich in den neunziger Jahren im nigerianischen Igboland selbst der christlichen Prophetin Ngozi angeschlossen. Ngozi suchte ihre Macht zu demonstrieren, indem sie den im nahen Busch befindlichen Schrein der Göttin Adoro zerstörte und die ihr gebrachten Gaben – Talismane und Opfer wie als verwunschen geltende Motorräder – in die Siedlung zurückholte. Diesen ungeheuren Akt überlebte die Prophetin nur um vier Jahre – was den Glauben an sie und die von ihr verbreitete Lehre rasch in Frage stellte. Der Kampf zwischen Tradition und neuer prophetischer Spiritualität war eingebettet in bis zu Morden reichende soziale Gewalt. Für Ngozi selbst stellte das Auftreten als Prophetin wahrscheinlich die einzige Möglichkeit dar, ihre niedere Herkunft zumindest vorübergehend vergessen zu machen.

Mit dem Vortrag von Hans G. Kippenberg (Bremen) berührte die Tagung endgültig tagespolitische Problemfelder. Seine Sympathien für die Anliegen der Palästinenser kaum verbergend schilderte er den Fall des Rabbi Zvi Yehuda Kook. Dieser war in den Ruf eines Propheten gelangt, weil er drei Tage vor dem überraschenden Sechstagekrieg 1967 über den UN-Teilungsplan und den Verlust von Städten wie Hebron und Jericho für das Judentum geklagt hatte. Sein 1974 gegründeter „Block der Getreuen“ (Gush Emunim) verband den Messianismus mit einer radikalen Ablehnung von Zugeständnissen an die palästinensische Seite. In ihrem Umfeld kam es zu Umdeutungen geschichtspolitischer Ereignisse wie des Attentats Baruch Goldsteins von 1994, dem am Grab der Patriarchen in Hebron 29 Muslime zum Opfer fielen. Dennoch wird Goldstein in weiten Kreisen der Ultraorthodoxen und Siedler als rechtschaffener und heiliger Mann verehrt. 

Nach den vielen Fallbeispielen war es der als einziger der Altvorderen nach Mülheim gekommene August Nitschke, der grundlegende, Anthropologie und Biologie verbindende Fragen stellte. Es sei keineswegs selbstverständlich, dass Gewaltanwendung gegen die eigene Art zur Natur des Menschen gehöre. Nitschke verwies auf arterhaltende Selbstorganisationsprozesse aus dem Tierreich, die in abgewandelter Form unter Umständen auch für den Menschen Gültigkeit beanspruchen könnten. So sei das erlernte Verhalten des ausgewachsenen Wolfs selbst in Kämpfen um die Führung des Rudels von Beißhemmung beim Sieger und Demutshaltung beim Unterlegenen geprägt. Ähnlich gewaltarm ist das Verhalten der in Symbiose mit Pilzen lebenden Blattschneiderameise. Im Gegensatz zu ihren genetischen Ahnen verzichtet die Blattschneiderameise auf Kämpfe bei der Suche nach der Königin. Können Prophetien einer gewaltlosen Menschheit also Wirklichkeit werden?

PDF: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.10.2010, S. 36





Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. Juli 2010, S. N 3

Strittige Medizingeschichte

SEWERING IM NATIONALSOZIALISMUS

Von Ralf Forsbach

"Stets an der Sache orientiert, hat er sich um den Erhalt eines freiheitlichen Gesundheitswesens und um die Wahrung ethischer Normen ärztlichen Handelns verdient gemacht." So endet in der jüngsten Ausgabe des "Deutschen Ärzteblatts" der Nachruf auf einen Mann, der Mitglied der SS war und Menschen der NS-Euthanasie auslieferte. Unterzeichner des Nachrufs sind Karsten Vilmar und Jörg-Dietrich Hoppe, früherer und derzeitiger Präsident der Bundesärztekammer.

Von der Vergangenheit ihres Vorgängers Hans Joachim Sewering, Präsident von 1973 bis 1978, der am 18. Juni im Alter von vierundneunzig Jahren gestorben war, ist in dem Nachruf nicht die Rede. Diese ist seit 1997 durch Forschungen von Michael Kater belegt. Sewering war Mitglied der SS seit 1933 und der NSDAP seit 1934. Seit 1942 Assistenzarzt des Tuberkulosekrankenhauses in Schönbrunn bei Dachau, betreute er die verbliebenen Pfleglinge der "Associationsanstalt" der Franziskanerinnen, in deren Gebäuden das Tuberkulosekrankenhaus eingerichtet worden war. Mindestens neunmal wies Sewering von Juni 1943 bis Februar 1945 Menschen in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar ein. Dass ein solcher Schritt einem Todesurteil nahekam, war in Fachkreisen damals bekannt. Tatsächlich fanden fünf der Eingewiesenen in Eglfing-Haar den Tod. Sewerings Handeln wurde Anfang der neunziger Jahre bekannt, als er Präsident des Weltärztebundes werden sollte, aber nach internationalen Protesten verzichtete.

Karsten Vilmar stand seit jeher der Erforschung der NS-Medizingeschichte skeptisch gegenüber, wie ein 1987 unter der Überschrift "Die ,Vergangenheitsbewältigung' darf nicht kollektiv die Ärzte diffamieren" im "Ärzteblatt" publiziertes Interview bezeugt. Hoppes Unterschrift unter dem Nachruf aber überrascht. Er hatte 2006 gemeinsam mit dem Bundesgesundheitsministerium und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung einen Forschungspreis zur Rolle der Ärzteschaft im Nationalsozialismus aus der Taufe gehoben. Gegen den Rückschritt in der historischen Selbstorientierung der Medizin haben jetzt mehr als dreißig medizingeschichtlich forschende Wissenschaftler in einem offenen Brief protestiert.

http://www.faz.net/p/RubF122D2D7BBD448D4B65B7CE8A8E396E7/Dx1~E97af69daa70a76fa3f35e50a9f7f706f~ATpl~Ecommon~Scontent.html






Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Juli 2010, S. 32

DER KNIEFALL, WAS SOLL ER BEDEUTEN?

Sinnstiftung von links: Die SPD will ihre Erinnerungsorte in Erinnerung bringen

Von Ralf Forsbach

Als der französische Historiker Pierre Nora vor mehr als einem Vierteljahrhundert das Konzept der "Erinnerungsorte" in die Geschichtswissenschaft einführte, schien es an den Begriff der Nation gebunden. Das Konzept war so attraktiv, dass dem siebenbändigen Frankreich-Werk Noras zahlreiche andere folgten. Seit 2001 werden die von Etienne François und Hagen Schulze herausgegebenen "Deutschen Erinnerungsorte" in unterschiedlichen Ausgaben vertrieben, darunter ein Auswahlkompendium durch die Bundeszentrale für politische Bildung. In diesem Jahr erschienen die "Schweizer Erinnerungsorte" des Baseler Historikers Georg Kreis.

Geschichtliche Topoi stehen immer in der Gefahr, geschichtspolitisch vereinnahmt zu werden - mögen sie nun geographischer (Weimar), personaler (Goethe), symbolischer (Fahne), programmatischer (Grundgesetz), zeitlicher (9. November) oder noch anderer Natur sein. Tatsächlich wurde Noras Werk als Liebeserklärung an Frankreich verstanden. François und Schulze lehnten einen entsprechenden Anspruch für Deutschland ausdrücklich ab. Für Tilmann Robbe (Basel), der zum Thema eine vielbeachtete Doktorarbeit verfasst hat, ist der Kern des Konzepts Erinnerungsort heute die Subversion. Nicht das erinnerte Ereignis nachzuzeichnen steht demnach im Vordergrund, sondern die jeweilige kollektive Erinnerung und deren Instrumentalisierung kritisch zu untersuchen. Mancher Mythos wird dabei entmythisiert. Für Identitätsstiftung scheint da wenig Raum zu bleiben.

Umso erstaunlicher ist es, dass nun auch eine Partei wie die SPD das Konzept der Erinnerungsorte für sich nutzbar machen will. Die Historische Kommission beim SPD-Parteivorstand denkt an ein klassisches Buchprojekt und einen Stadtführer zu den Erinnerungsorten in Berlin, das in der Friedrich-Ebert-Stiftung angesiedelte Archiv für soziale Demokratie an ein Internetportal. Wenn man 2013 das hundertfünfzigjährige Bestehen der Partei feiert, sollen die Publikationen vorliegen und das Portal online gestellt werden.

Zum Gedankenaustausch lud jetzt die Friedrich-Ebert-Stiftung in ihre Zentrale nach Bonn. Bernd Faulenbach (Bochum) als Vorsitzender der Historischen Kommission beim SPD-Parteivorstand wies darauf hin, dass innerhalb der Partei das "Gefühl eines historischen Auftrags" verlorengegangen sei und viele Sozialdemokraten heute ohne Geschichte auskämen. Um dem "ahistorischen Progressismus" entgegenzuwirken, müssten Erinnerungsorte der Sozialdemokratie teilweise "durchgesetzt" werden.

Dazu zählte Faulenbach vor allem personengebundene Ereignisse wie die Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann, die Beisetzung Friedrich Eberts, den Berliner Hilferuf Ernst Reuters, Egon Bahrs Tutzinger Rede zur Ostpolitik, Gustav Heinemanns Fernsehansprache zu den Studentenunruhen und Erhard Epplers Rede vor der Friedensbewegung im Bonner Hofgarten. Dem Gedanken an Identitätsbildung und Sinnstiftung verlieh Faulenbach durchaus ähnlichen Nachdruck wie die über europäische Erinnerungsorte forschende Historikerin Malgorzata Morawiec (Mainz) der Forderung nach einem Gegenwartsbezug, der kommunikationswissenschaftliche Analyse erst ermögliche.

So kreiste die Debatte lange oft unausgesprochen um die Frage, ob Identitätsvermittlung und kritische Geschichtswissenschaft einander ausschließen. Die Initiatoren des Internetprojekts, Meik Woyke, Max Bloch und Anja Kruke, verneinten dies auch unter Hinweis auf das von ihnen genutzte Medium, das rasche Korrekturen erlaube. Tatsächlich lässt das von Ralph Gleis (Wien) aufgegriffene Beispiel des Erinnerungsorts "Kniefall Willy Brandts in Warschau" diese Ansicht plausibel erscheinen.

Der Kniefall selbst und die Erinnerung an ihn wurden von Anfang an höchst unterschiedlich interpretiert. Nicht nur Ablehnung und Zustimmung, sondern auch die Rezeption im Westen und im Osten - ein Foto fand sich in polnischen Zeitungen zunächst nicht - zeugen davon. Hinzu treten Fragen nach der Wahl des Denkmals (aus polnisch-nichtjüdischer Sicht des falschen), zur Intention und Spontaneität Brandts und zur nicht unproblematischen Darstellung des Ereignisses beispielsweise im Bonner Haus der Geschichte. Alles dies gilt es zu analysieren und entmythisieren - und doch kann der Erinnerungsort weiter zur Sinnstiftung beitragen.

Der Hinweis auf das Modische und die Warnung vor einer Überhöhung des Konzepts blieben Tilmann Robbe vorbehalten. Ein Lexikon zur Antike im Historikerverlag Beck müsse heutzutage "Erinnerungsorte der Antike" heißen, und sicherlich könne sich der gemeine Leser eines Gutteils der "deutschen Erinnerungsorte" keineswegs erinnern. Somit arbeite das Konzept gegen ein Verblassen der Erinnerung und benötige keine Definition. Es sei schlicht Teil der Gedächtnishistoriographie. 

http://www.faz.net/p/Rub013457531D514A289550C982F21BCDBF/Dx1~EE1B3B81C98D81F5784311985465670D9~ATpl~Ecommon~Scontent.html





Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Mai 2010, S. N3

KARL DIETRICH ERDMANN, DER BEKENNER UND DER SCHRIFTLEITER.

Der Kieler Historiker traf das Wort in Bildungsbeiräten und Versöhnungsdenkschriften: Warum blieb er es in eigener Sache schuldig?

Von Ralf Forsbach

Als 1996, sechs Jahre nach dem Tod von Karl Dietrich Erdmann, ein kritisches Buch über die "Geschichtsbilder" des renommierten Historikers veröffentlicht wurde, schienen die dort ausgebreiteten Dokumente nach dem Urteil von Winfried Schulze "keinen vernünftigen Zweifel" daran zu lassen, dass Erdmann unter der NS-Diktatur wesentliche Teile der nationalsozialistischen Ideologie akzeptiert und historisch gerechtfertigt hatte. Der Frühneuzeitler Schulze hatte 1989 eine der ersten monographischen Untersuchungen zur deutschen Geschichtswissenschaft nach 1945 vorgelegt. Die institutionelle Welt der Verbände und Zeitschriften stand dort im Vordergrund - die Welt, in der der 1910 geborene Erdmann zu den großen Figuren gehörte, obwohl oder gerade weil er seine universitäre Laufbahn erst 1945 hatte beginnen können.

Durch das kritische Buch von 1996, das bei Oldenbourg erschien, im Hausverlag der "Historischen Zeitschrift" und des Instituts für Zeitgeschichte, galt das Bild vom geradlinigen Wissenschaftler als "revidiert" (Volker Ullrich), obwohl Erdmann weder der NSDAP noch SA oder SS angehört hatte. Auf Widerspruch stieß diese neue Sichtweise vor allem im Umkreis der von Erdmann begründeten, seit dessen Tod von Schulze herausgegebenen Zeitschrift "Geschichte in Wissenschaft und Unterricht" (GWU), die bis heute mit Erfolg, das heißt ohne Abstriche am fachlichen Niveau der Aufsätze, zwischen Geschichtswissenschaft und Geschichtslehrern vermittelt. Im Jahr von Erdmanns hundertstem Geburtstag fand der Widerspruch jetzt auf einem von der schleswig-holsteinischen Landeszentrale für politische Bildung organisierten Symposion sein Publikum. Zahlreiche Schüler Erdmanns waren erschienen, darunter sein ältester, der Stuttgarter Emeritus Eberhard Jäckel, und sein jüngster, der Flensburger Politikwissenschaftler Michael Ruck. Die Kritiker von 1996 - Martin Kröger und Roland Thimme - waren nicht geladen.

Ohne ihnen auch nur die Ehre der Namensnennung zu gewähren, warf der angesehene Hitler-Forscher Jäckel ihnen "fast hysterische Vergangenheitsbewältigung" vor. Schon weil beinahe das gesamte Lebenswerk Erdmanns erst nach 1945 entstanden ist, wollte Jäckel den Vergleich mit Theodor Schieder und Werner Conze nicht gelten lassen, die die politische Historie ihres Königsberger Lehrers Hans Rothfels volkshistorisch radikalisiert hatten. Schieder, Erdmann und Conze gehörten derselben Alterskohorte an, Conze wie Erdmann dem Jahrgang 1910, Schieder dem Jahrgang 1908. Von 1962 bis 1976 leiteten Erdmann, Schieder und Conze in dieser Reihenfolge nacheinander den Verband der Historiker Deutschlands. Jäckel würdigte seinen aus Köln gebürtigen Lehrer als guten Republikaner und Bekenner im lutherischen Sinne. Als Generalsekretär der deutschen Unesco-Kommission setzte sich Erdmann für eine Rückkehr Deutschlands in die Völkergemeinschaft ein; in seiner Zeitschrift trieb er die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte voran. Den Vorsitzenden des Deutschen Bildungsrats während der ersten Großen Koalition wollte Jäckel sogar als "heimlichen Bundeskultusminister" erinnert wissen. Mitte der sechziger Jahre sorgte Erdmann als Kieler Rektor nicht nur für den wohl einzigen Neubau einer Universitätskirche in der Bundesrepublik, das CDU-Mitglied warb zudem für die Vertriebenendenkschrift der EKD. Dafür dankte ihm der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker noch kurz vor Erdmanns Tod bei einem Empfang in der Villa Hammerschmidt.

Erdmanns Engagement in der evangelischen Kirche hob auch Michael Ruck hervor, der ihn als einen der Religionsphilosophie Max Webers und den Zielen der Gemeinschaft von Taizé verpflichteten Fürsprecher der Ökumene beschrieb. Aufklärerisch habe Erdmann als Beiratsvorsitzender des Instituts für Zeitgeschichte gewirkt. Mit Martin Broszat verhinderte er die Aufnahme von apologetischer Literatur in die Schriftenreihe des Instituts. Später sah er andererseits die Chancen, die sich durch die Erstausstrahlung der Fernsehserie "Holocaust" für die Öffentlichkeitsarbeit ergaben.

Mit dem Vorwurf der Nähe zum Nationalsozialismus befassten sich Hartmut Lehmann, Christoph Cornelißen und Agnes Blänsdorf (alle Kiel). Dass das Hauptbeweisstück der Kritiker, ein mit Huldigungen an Hitler übersätes Schulbuchmanuskript, überhaupt von Erdmann verfasst wurde, bezweifelt Lehmann, der Pietismusexperte und frühere Direktor des Deutschen Historischen Instituts Washington. In der Tat ist nur der von dem Parteifunktionär Paul Börger und dem Lektor Werner Menzel überarbeitete Text überliefert. Als die Richtlinien verschärft wurden, schied Erdmann als Autor aus. Das Buch erschien nie.

Warum hatte Erdmann überhaupt die Autorschaft übernommen? Lehmanns Antwort: Patriotismus und Unterschätzung des Nationalsozialismus. Erdmann heiratete eine Frau, die keinen Ariernachweis erbringen konnte. Die Wehrmacht erlebte er als einen Raum abseits der NS-Zwänge. In Briefen an seine Frau, den Doktorvater Wilhelm Mommsen und den Maler Georg Meistermann fand Agnes Blänsdorf wenig Kritik am Regime, ebenso wenig Zustimmung und keinerlei Antisemitismus, aber ein starkes soldatisches Pflichtbewusstsein. Die Aussagekraft der Briefe ist, da das Postgeheimnis ausgesetzt war, freilich eingeschränkt.

Offen bleibt, warum sich Erdmann später Fragen nach seinem Handeln in der NS-Zeit nicht gestellt hat. Christoph Cornelißen, Autor einer umfangreichen Monographie über einen anderen konservativen Historiker, den Freiburger Gerhard Ritter, und seit diesem Jahr einer der Herausgeber der GWU, mochte dazu nur allgemein mit Blick auf die Entwicklung nach 1945 Stellung beziehen. Er erinnerte an Schweigekartelle und das wechselseitige Ausstellen von Persilscheinen.

Anders als Conze wurde Erdmann kein Pionier der Sozialgeschichte. Ihn reizten konkrete ereignisgeschichtliche Problemstellungen, vor allem im Zusammenhang mit der Entstehung des Ersten Weltkriegs. Daher edierte er auch die Tagebücher von Kurt Riezler, einem engen Vertrauten von Reichskanzler Bethmann Hollweg, der selbst kaum historisch relevante Privatdokumente hinterlassen hat. Holger Afflerbach (Leeds) würdigte Erdmanns editorische Glanzleistung, indem er auf die außerordentliche Quellenproblematik hinwies. Fälschungsvorwürfe seien absurd, obwohl Erdmann an wichtiger Stelle eine Streichung nicht vermerkt habe. Fehler gab Erdmann nicht zu, so dass er der Debatte unnötig Nahrung gab.

Der Streit um die Echtheit der Riezler-Tagebücher ist wohl nur vor dem Hintergrund der Fischer-Kontroverse zu erklären. Anders als Erdmann hatte der Hamburger Historiker Fritz Fischer, worauf Klaus Kellmann (Kiel) mit Emphase hinwies, eine tiefbraune Vergangenheit. Das Mitglied von Freikorps, SA und NSDAP stand im Kirchenkampf auf Seiten der Reichskirche und pflegte Beziehungen zu Walter Frank, dem Präsidenten des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands. In seinen Schriften der sechziger Jahre wies Fischer dem Deutschen Reich die Verantwortung für den Ersten Weltkrieg zu, womit er auf den Widerspruch der meisten Kollegen stieß.

Sönke Neitzel (Mainz) zeichnete die Fischer-Kontroverse nach, in der Erdmann als Autor des wichtigen Gebhardt-Handbuchs auf der Seite der Gegner Fischers Stellung bezog und allen Großmächten einen Teil der Schuld zusprach. Erdmann habe früh erkannt, was jüngste Forschungen wie die Stephen Schröders über die englisch-russische Marinekonvention klar belegten: England sei aus Angst vor Russland und angesichts des erstarkenden Deutschland zu einer neutralen Haltung nie bereit gewesen. Wenn auch heute die innenpolitische Dimension der deutschen Weltpolitik noch immer unterschiedlich bewertet werde, sei Erdmanns Sicht weitaus belastbarer als die Fischers.

Das Resümee der Tagung bleibt zwiespältig, traten zum hundertsten Geburtstag Erdmanns doch nur dessen Fürsprecher auf. Selten wurde so offensichtlich, wie sehr Geschichtsschreibung eine Frage der Interpretation ist. Werner Paravicini (Kiel), der frühere Direktor des Deutschen Historischen Instituts Paris, wies zum Abschluss darauf hin, dass für die einen normales Verhalten sei, was den anderen als purer Nationalsozialismus erscheine. Daran werden auch die Biographien über Karl Dietrich Erdmann und Fritz Fischer, die von den Rednern zu Desideraten erklärt wurden, nichts ändern können.

http://www.faz.net/s/Rub7F4BEE0E0C39429A8565089709B70C44/Doc~E5F55F195416945758FB9C32F134799F9~ATpl~Ecommon~Scontent.html





Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. April 2010, S. 34

HITLERS VOLK. EINE BEGRIFFSKARRIERE

Die Propaganda des NS-Staates adressierte die Deutschen als "Volksgemeinschaft". Steckt in der Parole eine empirische Wahrheit? Heikle Frage an die Zeithistoriker, probeweise beantwortet in London.

Von Ralf Forsbach

Sarah Palin freut sich bei ihren Auftritten vor allem dann, wenn sie es mit "real Americans" zu tun hat. Diesem Kreis gehören nicht mehr nur die weißen angelsächsischen Protestanten an, doch beruht auch Palins Vorstellung von den echten Amerikanern auf der Doppelfigur von Ausschluss und Einschluss. Es war der amerikanische Historiker Christopher Browning (Chapel Hill), der zu Beginn einer vom Institut für Zeitgeschichte (IfZ) mitorganisierten Konferenz im Deutschen Historischen Institut (DHI) London diesen heutigen Versuch politisch motivierter Eingrenzung einer Volkszugehörigkeit in vergleichender Absicht erwähnte.

Die Tagung stellte ein wirkmächtiges Konzept der Historiographie zum Nationalsozialismus auf den Prüfstand der empirischen Forschung. Das methodisch Interessante wie Problematische dieses Konzepts ist, dass es einen Begriff der Propaganda des untersuchten Regimes aufnimmt: die Parole der "Volksgemeinschaft". Zu geradezu volkstümlicher Wirkung hat es dieser Ansatz 2005 in Götz Alys Buch "Hitlers Volksstaat" gebracht. In der Geschichtswissenschaft ist allerdings umstritten, ob es, wie die Verwandlung der Propagandaformel in einen Forschungsbegriff unterstellt, tatsächlich eine Volksgemeinschaft im Sinne einer dem Regime im Großen und Ganzen zustimmenden Bevölkerung gegeben hat.

Hans Mommsen (Bochum), einer der Altmeister des Fachs, hatte zuletzt besonders eindringlich die Idee der Volksgemeinschaft als Schimäre beschrieben. Mochten die Anfangsjahre der NS-Herrschaft auch von einer suggestive Sogwirkung entfaltenden Aufbruchstimmung und in weiten Kreisen auch von einem neuen Gleichheitsgefühl geprägt gewesen sein, so sprächen die politischen Fakten doch gegen eine anhaltende Zustimmung zum Regime. Mommsen verweist auf das Ausbleiben materieller Verbesserungen für die angebliche Volksgemeinschaft, aus der Millionen Menschen zunächst einmal ausgeschlossen wurden. Hieran entzündet sich der Konflikt. Wo für Mommsen die polizeistaatlich durchgesetzten judenfeindlichen Nürnberger Gesetze einen Beweis für das Nichtvorhandensein einer Volksgemeinschaft darstellen, wollen Autoren wie Michael Wildt (Berlin) eine verbreitete Zustimmung für die verbrecherischen Gesetze erkennen - diese Forscher sehen gerade in den Exklusionen ein konstituierendes Element der Volksgemeinschaft.

An der großen Londoner Tagung nahm Mommsen teil, nicht aber Wildt, der kurzfristig absagen musste. Dennoch war er in den Debatten stets präsent, ähnlich wie die jung verstorbenen Wegbereiter der Volksgemeinschaftsforschung Tim Mason und Detlev Peukert. In London verteidigten Frank Bajohr (Hamburg), Armin Nolzen (Bochum) und Detlef Schmiechen-Ackermann (Hannover) Wildts Ansatz, ohne alles mit ihm erklären zu wollen. Vor Jahrzehnten veranstaltete das DHI London eine legendäre Konferenz, auf der nach Mittelwegen in der aufgeladenen Kontroverse zwischen "Intentionalisten" und "Funktionalisten" in der Hitlerdeutung gesucht wurde. Schon damals war Hans Mommsen einer der Protagonisten.

Nikolaus Wachsmann (London) wies auf die 1933 errichteten Lager mitten in den Städten hin, in die Tausende von politisch aktiven Arbeitern verbracht wurden. Sie haben sicherlich nicht zu einer Ansehenssteigerung des neuen Regimes beigetragen. Auch deshalb wurden die meisten dieser Lager, von denen es allein in Berlin mehr als einhundert gab, nach und nach aufgelöst. Dass es die Generalität in der Retrospektive gleichwohl als ein Verdienst der Nationalsozialisten ansah, die Arbeiter an den Staat herangeführt zu haben, konnte Johannes Hürter (München) belegen. Die Militärs interessierte angesichts ihres Personalbedarfs die Integration, während sie Ausschlussinstrumente wie der Arierparagraph irritierten. Überzeugte Nationalsozialisten wie Walter von Reichenau blieben in der Generalität die Ausnahme, was andererseits aber auch bedeutete, dass eine Volksgemeinschaft, die den sozialen Aufstieg hätte erleichtern sollen, der monarchisch-elitär gesinnten Wehrmachtsführung suspekt blieb.

Auch Winfried Süß (Potsdam) operierte mit dem Terminus der Volksgemeinschaft, um die Ausgrenzungen zu verdeutlichen. Er erörterte an die Ausbeutungspraxis gegenüber nach NS-Kategorien als arisch geltenden Deutschen wie den politischen Gegnern, denen Wohlfahrts-zahlungen und Rente versagt blieben. Zu Einschlusseffekten kam es hingegen durch Einstellungen in der Rüstungsindustrie und den NS-Organisationen wie der Volkswohlfahrt mit ihren 90 000 hauptamtlichen, meist weiblichen Mitarbeitern. Weniger Bewegung war im Bildungsbereich zu verzeichnen. Ein Universitätsstudium blieb teuer, und die NS-Eliteschulen erzielten keine kurzfristige Wirkung. Doch selbst wenn ökonomische Daten eine andere Sprache sprechen, verspürten die meisten Deutschen nach dem Ende der Weltwirtschaftskrise eine Verbesserung ihrer finanziellen Lage, zumal, so Birthe Kundrus (Hamburg), jetzt oft mehr Familienmitglieder zum Einkommen beitrugen.

Zudem zeigten Versprechungen ihre Wirkung, etwa auf größere Wohnungen in der Nachkriegszeit. Den von Bernd Weisbrod (Göttingen) für die Weimarer Republik geprägten Begriff vom "Modus der Verheißung" übertrug Andreas Wirsching (Augsburg) auf die Zeit des "Drittes Reichs". Ganz ähnlich tat dies Ian Kershaw (Sheffield), der die nationalsozialistische Volksgemeinschaft als eine über das Stadium des Versprechens nie hinausgekommene Idee beschrieb. Befasst man sich beispielsweise mit den Gestapo-Berichten über die Stimmung im Volk, so liest man selbst für das Olympiajahr 1936 von vielfältigen negativen Äußerungen, wenn auch Hitler von der Kritik oft ausdrücklich ausgenommen wurde.

Einige der auf psychologische Wirkung zielenden Versprechungen wurden jedoch schnell verwirklicht. Bajohr verwies auf die Pausenpraxis bei Blohm und Voss: Wo drei getrennte Kantinen für Chefs, Angestellte und Arbeiter existiert hatten, gab es bald nur noch eine für alle. Die Lohnspreizung wuchs, gefühlt aber wurde ein Einschmelzen der Standesunterschiede. Dieses Empfinden unterstützten mehr oder weniger erzwungene Rituale wie der Hitlergruß, wie Schmiechen-Ackermann erläuterte. Im Verborgenen pflegte man habituelle Distinktionen weiter: Rüdiger Hachtmann (Berlin) sprach über für die gerade in der Wirtschaft noch maßgeblichen alten Eliten des Kaiserreichs.

Angesichts der gern betonten Adaption religiöser Traditionen durch den Nationalsozialismus war es konsequent, dass zur Historikerrunde auch ein Theologe geladen war. Friedrich Wilhelm Graf (München) merkte an, dass valide sozialhistorische Studien über die Kirchen im NS-Staat fehlen. In der Tat interessieren sich Sozialhistoriker nicht für die Kirchen und Kirchenhistoriker nicht fürs Soziale. Präzise lässt sich die Frage nach der Rolle von Caritas und Diakonie beim Ausbau des NS-Sozialstaats derzeit nicht beantworten. Irgendwann gingen sie auf Distanz, doch mancher Kirchenmann hegte 1933 mit dem Wechsel der Staatsform noch die Hoffnung auf eine Rechristianisierung. Vergleichbares wird man für 1871, 1918 und 1989 konstatieren können.

Wie problematisch das Bild von der "Selbstermächtigung" (Wildt) der Volksgemeinschaft ist, zeigte Dieter Pohl (München). Zum einen wurde im halbstaatlichen Bereich von NSDAP, SA und SS haupt- und nebenamtliches Personal benachteiligten Schichten integriert, zum anderen aber förderte die von diesen Organisationen ausgehende Atmosphäre der Gewalt und Denunziation eine Entsolidarisierung. Zu ähnlich zwiespältigen Ergebnissen führte die Einbindung der Frauen.

Dass es im totalitären Staat ländliche Residuen gab, in denen die Gewaltherrschaft kaum zu spüren war, glaubte Jill Stephenson (Edinburgh) am Beispiel schwäbischer Landstriche nachweisen zu können, womit sie aber auf große Skepsis stieß. Immerhin konnte Stephenson zeigen, dass die Reichweite der Propagandamittel Rundfunk und Film, die auf dem Land oft keine Bedeutung besaßen, überschätzt wird. Hieraus sind jedoch keine zu weit gehenden Schlüsse zu ziehen. Wirsching nannte württembergische Ortschaften wie Ichenhausen, wo fast die Hälfte der Bevölkerung jüdischen Glaubens war und ohne nennenswerten Widerstand der anderen Hälfte deportiert werden konnte.

Der Volksgemeinschaftsbegriff basiert auf einer Ideologie - die Nationalsozialsten sprachen von Weltanschauung -, die an ihren Rändern unscharf ist und viele Kopplungen erlaubt. Lutz Raphael (Trier) erinnerte an diese propagandistisch zu nutzende Flexibilität, die nach seiner Ansicht weniger an Religionen mit ihren Katechismen und Dogmen als an die Wissenschaften anknüpft. Damit widersprach Raphael der traditionellen Auffassung von der Wissenschaftsfeindlichkeit des Nationalsozialismus. Tatsächlich ist der NS-Staat der Illusion gefolgt, zentrale ideologische Elemente wie die Rassenhygiene wissenschaftlich begründen zu können.

Entsprechend umstritten war, wie Willi Oberkrome (Freiburg) erläuterte, Richard Walther Darrés Idee einer Bauernaristokratie. Sie konnte das Problem der Landflucht nicht beseitigen und stand den dem NS-Ideal einer Volksgemeinschaft eher entsprechenden Vorstellungen von kleinbäuerlichen Landnahmen und dem Aufweichen der scharfen Grenzen zwischen Stadt und Land entgegen. Auch die immer wieder veränderten Strukturen von Partei und Staat im polykratischen System förderten ein Gefühl der Volksgemeinschaft nicht, wie Thomas Schaarschmidt (Potsdam) veranschaulichte. So bedeutete die Kompetenzerweiterung der Gauleiter keineswegs eine größere Effizienz ihres Handelns. Bei derartig subtilen Differenzierungen verwunderte es freilich nicht, dass Jane Caplan (Oxford) in der Debatte auf die Berücksichtigung unerwähnt gebliebener Gleichschaltungsprozesse drang.

Ob die Diskussionsbeiträge ihr Anregungspotential wirklich dem Nachdenken über die Volksgemeinschaft verdankten, blieb bis zuletzt umstritten. Ulrich Herbert (Freiburg), der in seinem Vortrag über die gesellschaftlichen Gruppen im NS-Staat ohne den Begriff Volksgemeinschaft auskam, vermisste den innovativen Impetus, stehen sich doch die Theorien von der Diktatur der Eliten einerseits und von der Partizipation der Massen andererseits schon seit Jahrzehnten gegenüber. Während Horst Möller, der scheidende Direktor des IfZ, die Messbarkeit von Popularität in der Diktatur in Frage stellte, kritisierte Herbert die quantitative Unschärfe in der Debatte, in der zu oft von "manchen" und "vielen" die Rede war. Der Rückschluss von der Partizipation auf die Motivation ist jedenfalls hoch problematisch und berührt die moralische Ebene.

Herbert missfiel, dass nach dem analytischen System der Historiker jeder irgendwie schuldig ist. Der Bezug auf die Volksgemeinschaft sei sinnvoll bei der Darstellung von Konsens, stelle aber kein umfassendes Konzept dar. Es erlaube ein Vorgehen nach der schlechten Maxime des Beweisenwollens, lasse aber keinen Raum für ergebnisoffene Fragestellungen. Möller, Mommsen und Herbert waren sich hier einig. Wirsching und Süß wollten dem Konzept den heuristischen Sinn nicht absprechen. So unterschiedliche Typen wie der angeblich politikferne württembergische Bauer, der nationalsozialistische Herrenmensch und der allein seine Geschäftsinteressen im Blick habende Hamburger Kaufmann seien allesamt Angehörige derselben postulierten Volksgemeinschaft gewesen, die dann im Krieg zeitweilig auch Realität geworden sei.

Mommsen lehnte entschieden die These ab, aus einer Volksgemeinschaft sei der Impetus für den Genozid erwachsen, und erinnerte gegen Raphael an den klaren Rassismus der NS-Ideologie erinnerte. Der Angesprochene verteidigte sich als Vertreter der "harmonistischen Nachkriegs-generation" und wollte in der Stärkung der Ideologieforschung eine Chance erblicken. Als ideologisches Ziel ist die Idee der Volksgemeinschaft in Möllers Worten "grandios gescheitert", als wissenschaftlichem Leitkonzept wurden ihr in London nach Ansicht der Organisatoren Martina Steber, Andreas Gestrich und Bernard Gotto die Grenzen aufgezeigt. Diese Grenzen freilich haben die Verfechter des Konzepts nie bestritten.

http://www.mhi.uni-bonn.de/downloads/forschung/Forsbach%20FAZ.pdf




Saarbrücker Zeitung (Merzig/Wadern), 27./28. Februar 2010, S. C5                                                     

PROFESSIONELLE HILFE

Mit einem Festakt in der Stadthalle feierte der Hilfsverein Trias 50-jähriges Bestehen
Viel Lob gab es für den Merziger Verein Trias, der seinen 50. Geburtstag in der Stadthalle mit vielen Gästen feierte. Psychisch behinderte Menschen erhalten bei dem Verein unentgeltlich professionelle Hilfe.

Von SZ-Mitarbeiter Norbert Wagner

Merzig. Mit Stolz blickt Präsident Manfred Horf auf seinen Hilfsverein Trias, der am Mittwoch mit einem Festakt in der Stadthalle Merzig gemeinsam mit vielen geladenen Gästen aus Politik und Gesellschaft sein fünfzigjähriges Bestehen feierte. Weit mehr als einhundert Besucher verfolgten interessiert die Podiumsdiskussion unter Leitung von Dr. Bernd Wunn, in der sich interessante Aspekte im Zusammenhang von Psychiatrie und Gesellschaft auftaten. Dr. Ralf Forsbach, Professor Wolfgang Werner, Ingwardt Tauchert, Dr. Martin Kaiser, Oberbürgermeister Alfons Lauer und Trias-Präsident Manfred Horf standen Rede und Antwort zu Fragen aus dem fachlich interessierten Publikum. Zuvor hatte Manfred Horf das Leistungsspektrum von Trias, dem Hilfsverein für Wohnen, Arbeit und Freizeit, vorgestellt. Psychisch behinderte Menschen erhalten im Haus in Merzigs Gutenbergstraße unentgeltlich professionelle Hilfe. Das Trias-Tageszentrum bietet dabei auf die persönlichen Bedürfnisse zugeschnittene Unterstützung in allen lebenspraktischen Bereichen. Hilfestellungen zum Wiedererlangen alltäglicher Fähigkeiten, bei der Beschaffung von Wohnungen und bei der kreativen oder sportlichen Freizeitgestaltung werden durch fachlich geschultes Per­sonal gewährt.

Während sich heute Trias als professionelle Organisation darstellt, wurde die Institution zu Gründerzeiten vor 50 Jahren vollständig ehrenamtlich geführt. Schirmherr der Veranstaltung, Gesundheits-Staatssekretär Sebastian Pini, sprach über den Werdegang der Merziger Hilfs-organisation. Im Grünen Kreis habe man sehr früh erkannt, dass psychisch kranken Menschen der Anspruch auf Gleichstellung und Selbstbestimmung nicht vorenthalten werden kann. „Nicht der Kranke muss sich ändern, sondern das Umfeld muss sich anpassen“, erklärte der Protektor. Oberbürgermeister Lauer stellte fest, Merzig habe infolge des althergebrachten Psychiatrie-standortes große Erfahrung. „Die Bürger Merzigs waren es seit langer Zeit gewöhnt, ganz natürlich mit psychisch kranken Mitmenschen umzugehen“, sagte Lauer, der als Leitmotiv für die Betroffenen die gesellschaftliche und berufliche Teilnahme am Leben sieht. Für den Landkreis sprach sich Beigeordneter Kurt Ruschel ebenfalls für die uneingeschränkte Wiedereingliederung in die Gesellschaft aus.

In seinem Fachvortrag zum Thema „Vom Tollhaus zur Gemeindepsychiatrie“ referierte Dr. Ralf Forsbach vom Medizinhistorischen Institut der Uni Bonn über die Psychiatrie im Wandel der Jahrhunderte. Forsbach erinnerte an historische Fehlleistungen bei der Prognose psychischer Krankheitsbilder und befasste sich eingehend mit der dunklen Periode der NS-Zeit. 1993 habe an der Saar die erste Schließung einer „Psychiatrischen Anstalt“ innerhalb Deutschlands stattgefunden. „Heute ist man im Saarland dank der zielgerichteten Arbeit von Professor Werner am weitesten vorangeschritten“, so der Wissenschaftler.


 




General-Anzeiger (Bonn), 25. Juni 2007, S. 8

 „DIE LISTE DER VERBRECHEN IST LANG“

NATIONALSOZIALISMUS

ÄRZTE IN BONN FOLTERTEN, STERILISIERTEN UND TÖTETEN

Von Michael Friedrichs

BONN. Ein dunkles Kapitel der lo­kalen Geschichte präsentierte Ralf Forsbach jüngst in der Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Natio­nalsozialismus. In seinem Vortrag zum Thema „Medizinisches Un­recht in Bonn 1933 bis 1945“ prä­sentierte der Privatdozent am Me­dizinhistorischen Institut der Uni­versität Bonn am Beispiel der Zwangssterilisation seine jüngsten Forschungsergebnisse.

„Die Liste der Verbrechen ist lang, die sich zwischen 1933 und 1945 auch an der Medizinischen Fakultät zugetragen haben“, sagte der Historiker, der seit acht Jahren im Auftrag der Uni das Thema auf­arbeitet und dafür kürzlich mit dem Forschungspreis zur Rolle der Ärz­teschaft in der Zeit des Nationalsozialismus ausgezeichnet worden ist. So seien beispielsweise in der Psychiatrie Patienten zwangsweise mit Elektroschocks behandelt wor­den. „In der Chirurgischen Klinik sowie in der Frauenklinik sterili­sierten die Ärzte bis zu 4 000 psy­chisch Kranke, Homosexuelle und so genannte Fremdarbeiter gegen ihren Willen“, so der Historiker. Zwangsarbeiterinnen hätten ab­treiben müssen. Auch im Anatomischen Institut sei medizinisches Unrecht geschehen, denn dort hätte man mit Leichen von Hingerichte­ten aus Gefängnissen gearbeitet - und sogar bei deren Beseitigung geholfen.

„Nicht mehr die Linderung von Schmerzen und die Heilung stan­den damals im Vordergrund des ärztlichen Handels, sondern der Glaube an die Möglichkeit, ein ge­sundes, schönes und starkes Volk zu züchten“, erklärte Forsbach. Ein Unrechtsbewusstsein für ihre Taten sei im Laufe der Jahre - auch in­nerhalb der Bevölkerung - immer mehr geschwunden. Das Vorgehen der Ärzte sei nach Kriegsende bei den Nürnberger Prozessen nur am Rande behandelt worden. Kein Wunder also, dass die ehemaligen Opfer erst 1980 nach einer heftigen Debatte mit einer einmaligen Zählung von 5 000 DM entschädigt wurden.Besonders „aktiv“ seien die bei­den Psychiater Kurt Pohlisch und dessen Mitarbeiter Friedrich Panse gewesen, die als Gutachter der so genannten „T4-Aktion“ - benannt nach der Euthanasie-Zentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4 - nach eigenen Angaben über l 000 menschliche Schicksale ent­schieden haben. „Auch mindestens 20 Tötungsentscheidungen hatten die beiden Ärzte zu verantworten“, so der Historiker, „doch die Zahl der tatsächlichen Opfer soll weitaus höher sein“. Pohlisch leitete seit 1934 nicht nur die Bonner Nervenklinik, sondern auch die Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt - die heuti­gen Rheinischen Kliniken -, in der vor allem in den letzten Kriegsjah­ren mehr als l 000 Menschen durch Hunger und Vernachlässigung star­ben. „Viele Dokumente belegen die Zahlen und die Schicksale", sagte Forsbach. „Doch die Zustände in den Bonner Kliniken waren im Ver­gleich mit anderen noch nicht ein­mal die grausamsten.“ Wichtige medizinische Bereiche seien von Direktoren geleitet worden, die ei­ne ausgesprochen antinationalsozialistische Haltung einnahmen.

  



Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Januar 2007

ÄRZTE UNTER HITLER

FORSCHUNGSPREIS FÜR HISTORIKER

Ralf Forsbach, Historiker an der Univer­sität Bonn und Mitarbeiter dieser Zeitung, erhält für seine Habilitationsschrift über die Bonner Medizinische Fakultät im „Dritten Reich“ den Forschungspreis zur Rolle der Ärzteschaft in der Zeit des Natio­nalsozialismus. An der im vergangenen Jahr bei Oldenbourg erschienenen Mono­graphie hebt die Jury des von Bundesgesundheitsministerium, Bundesärztekam­mer und Kassenärztlicher Bundesvereini­gung ausgeschriebenen Preises hervor, dass sie „die enorme Arbeitsleistung eines einzelnen Verfassers“ darstelle und unter den Studien zur Institutionengeschichte die „beste Systematik“ biete. Die Jury hatte unter mehr als fünfzig Ar­beiten zu wählen und würdigt die hohe Qualität des Eingereichten durch eine Dreiteilung des Preises. In der Kategorie „Arbeiten zu Einzelschicksalen“ wird Lorenz Peter Johanssens Biographie des Kin­derarztes Karl Leven ausgezeichnet, für „Innovation/Originalität“ wird der Münch­ner Historiker Winfried Süß geehrt, Autor des 2003 publizierten Buches „Der ‚Volks­körper’ im Krieg“. Die drei Preisträger erhalten je 3000 Euro. Zwei Sonderpreise in Höhe von 500 Euro würdigen studenti­sches Engagement, darunter einen „Tele-Tutor Medizin im Nationalsozialismus“, der fächerübergreifendes Lernen zurn Thema ermöglichen soll.






General-Anzeiger (Bonn), 2. Januar 2007, S. 13                                                                                                 
PERSONALIE                                                                                                                                                        
Der Bonner Medizinhistoriker Ralf Forsbach hat den „For­schungspreis zur Rolle der Ärzte­schaft in der Zeit des Nationalso­zialismus“ (Kategorie „Arbeiten zur Institutionengeschichte“) erhalten. Das Bundesgesundheitsministerium, die Bundesärztekammer und die Kassenärztliche Bundesvereinigung ehren mit der Auszeichnung (sie ist mit 3 000 Euro dotiert) Forsbachs Untersuchung über die Me­dizinische Fakultät der Universität Bonn im Dritten Reich. piw






Rhein-Sieg-Anzeiger (Kölner Stadt-Anzeiger), 28. Dezember 2006, S. 36

VERGESSENES UNRECHT AUFGEARBEITET

SIEGBURGER HISTORIKER WURDE FÜR SEIN BUCH ÜBER BONNER UNIKLINIKEN WÄHREND DER NS-ZEIT AUSGEZEICHNET

Von Stefan Villinger

Im Januar berichtete der Rhein-Sieg-Anzeiger über das Buch des Siegburger Historikers Ralf Forsbach, in dem er sich mit den Bonner Universitätskliniken und den dortigen medizinischen Instituten während der NS-Zeit befasst. Seitdem hat das Buch für Furore gesorgt, weil es an manches vergessene Unrecht (unter anderem „Euthanasie“, Zwangssterilisationen, Zwangsarbeit, Nichtbehandlung von Juden) erinnert - zugleich aber auch auf die Handlungsspielräume der Ärzte hinweist. „Anders als es noch vor Jahren der Fall gewesen wäre, werden derartige Forschungen nun auch von der Ärzteschaft begrüßt“, so Ralf Forsbach Mit seiner Arbeit konnte sich Forsbach nicht nur an der Bonner Medizinischen Fakultät habilitieren, er fand auch Anerkennung im Standesorgan „Deutsches Ärzteblatt“ und erhielt nun sogar einen Forschungspreis, der von Bundesgesundheitsministerium, Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung ausgelobt worden war. Nur noch in Ausnahmefällen melden sich Angehörige von im „Dritten Reich“ aktiven Klinikdirektoren, die um den Ruf der Familie fürchten und beispielsweise die Zwangssterilisierung von so genannten „Rheinlandbastarden“, also den Kindern dunkelhäutiger französischer Besatzungssoldaten und deutscher Frauen, als nationalsozialistisches Unrecht nicht wahrhaben wollen. Andere würdigen hingegen die differenzierte Art der Darstellung, etwa die des zeitweiligen Leibarztes Adenauers, Paul Martini (1889-1964). Der Internist hatte während der Nazidiktatur die „Medizinische Klinik“ in Bonn geleitet und  war Auseinandersetzungen mit den Machthabern nicht aus dem Weg gegangen. So wehrte er sich dagegen, als die katholischen Ordensschwestern aus ideologischen Gründen aus der Klinik verbannt und durch Rotkreuzschwestern ersetzt werden sollten. Andererseits beriet Martini die Wehrmacht und trug damit zum Expansionskrieg bei. „Dennoch war er zweifellos jemand, der ein Beispiel dafür gibt, wie man sich als verantwortungsbewusster Klinikdirektor von der NS-Ideologie fernhalten und doch in seinem Amt verbleiben konnte“, so Ralf Forsbach.  

                







Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Dezember 2006

FERNGESTEUERT VON BONN

SELBSTERFORSCHUNG IM DEUTSCHEN HISTORISCHEN INSTITUT PARIS

Von Ralf Forsbach

Im November 1958 wurde in Paris eine Deutsche Historische Forschungsstelle eröffnet, die sechs Jahre später den Namen "Deutsches Historisches Institut in Paris" (DIHP) erhielt. Zur Vorbereitung der Feiern zum fünfzigsten Jahrestag, für die Festschrift, Ausstellung und Staatsakt geplant werden, befaßte sich nun in den 1994 bezogenen Räumen des Instituts im Marais ein Kolloquium mit den Wurzeln des Pariser Instituts. Man hatte einen personengeschichtlichen Ansatz gewählt. Der jetzige Institutsdirektor Werner Paravicini erklärte zu Beginn zwar, er erwarte keineswegs "Selbstlob und Vergoldung der Vergangenheit", doch stand für ihn zugleich fest, daß es "nichts à la Götz Aly zu enthüllen" gebe. Schließlich sei das Pariser Institut "von Anfang an eine Erfolgsgeschichte" gewesen.

Diese Zielvorgabe verwunderte, da die Auffassungen ganz unterschiedlicher Richtungen aufeinandertreffen sollten. So betonten Peter Schöttler und Christoph Cornelißen die Nähe der Zunft zum Nationalsozialismus und mangelnde Einsicht nach 1945 auch in Paris. Differenzierungen blieben den sich konkret mit den Gründungsvätern beschäftigenden Referenten wie Konrad Repgen und Matthias Pape überlassen. Denn das für die Pariser Gründung so wichtige Bonner Historische Seminar hatte mit seiner rheinisch-katholischen Prägung während des Dritten Reichs nicht dem Idealbild der Nationalsozialisten entsprochen. In der Bundesrepublik wurde es zum Sammelbecken derjenigen, die andere Traditionslinien als die der Erbfeindschaft zu Frankreich früh betont hatten und mit einem Deutschen Historischen Institut in Paris auch ein politisches Zeichen zu setzen beabsichtigten.

Der älteste von ihnen war Max Braubach (1899 bis 1975), den Konrad Repgen (Bonn) als in sich ruhenden Wissenschaftler beschrieb. Während des Krieges abgeordnet zum Stab des Militärbefehlshabers in Frankreich, kam er mit Männern des Widerstands in engsten Kontakt. Auch deshalb war er prädestiniert, 1957 in die Kommission zur Vorbereitung einer damals noch so genannten "Historischen Station" in Paris einzutreten. Als Braubachs wichtigsten Beitrag würdigte Repgen die Präsentation seines Schülers Hermann Weber, der bis 1968 de facto als Gründungsdirektor des Pariser Instituts fungierte. Repgen distanzierte sich scharf von den "flotten Sprüchen" Hans-Ulrich Wehlers, der Braubach vor kurzem in einem Interviewbändchen (F.A.Z. vom 25. September) nicht zum erstenmal angegriffen hat. Die monumentale Biographie des Prinzen Eugen und vor allem Braubachs Breitenwirkung durch seine Beiträge im Gebhardt, dem renommierten geschichtswissenschaftlichen Handbuchs, sprächen für sich.

Noch schwieriger als für den 1933 bereits etablierten Braubach war es für Eugen Ewig (1913 bis 2006), den Versuchungen des "Dritten Reichs" zu widerstehen. Braubach wurde Ewigs Doktorvater, nachdem dessen jüdischer Lehrer Wilhelm Levison 1935 entlassen worden war. Die Diskussion entzündete sich an Ewigs Aufgaben als faktischer Leiter des lothringischen Staatsarchivs in Metz von 1942 bis 1944. Für den von Peter Schöttler (Berlin) geäußerten Generalverdacht, deutsche Archivare hätten im besetzten Frankreich geplündert, verlangte Matthias Pape (Aachen) Belege. Nach Pape hat Ewig dazu beigetragen, die Metzer Bestände zu bewahren.

Zudem hatte sich Ewig in einer 1944 niedergeschriebenen Abhandlung gegen die von den Nationalsozialisten gestützte These gewandt, Ludwig XIV. habe eine ethnische Politik mit der Folge einer Nordverlagerung der deutsch-französischen Sprachgrenze betrieben. Ewig wurde noch 1945 aus einem Internierungslager früh entlassen, fand die Unterstützung einflußreicher Franzosen wie Robert Schuman und lehrte bis 1951 an der Universität Nancy. An seiner Eignung, als mit französischer Sprache und Kultur bestens vertrauter Gelehrter mit den französischen Stellen über die Gründung eines historischen Instituts zu verhandeln, bestand daher kein Zweifel.

Anne Christine Nagel (Gießen) wandte sich Gerd Tellenbach (1903 bis 1999) zu, dem Nichtbonner unter den Gründungsmitgliedern des Wissenschaftlichen Beirats. Auch auf ihn trafen die nach Schöttler typischen Entwicklungsmuster seiner Generation kaum zu. Er vermied den Eintritt in die NSDAP, konnte aber zwischen 1938 und 1944 an drei Universitäten eine Professur übernehmen. Nagel interpretierte Tellenbachs wissenschaftspolitisches Engagement als Reflex auf die Erfahrungen unter dem NS-Regime.

1947 publizierte er seine durchaus erfolgreiche räsonierende Schrift "Die deutsche Not als Schuld und Schicksal". 1968, als Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Rom, zeigte er sich nicht wie viele seiner Kollegen verbittert, sondern suchte die argumentative Auseinandersetzung mit den rebellierenden Studenten. Als Vertreter eines auch auf der Pariser Tagung häufig melancholisch betrachteten Bildungsideals, für das Universität, Wissenschaft und Bildung zusammengehörten, sowie als einflußreiches Mitglied zahlreicher Gremien gehörte Tellenbach wie selbstverständlich zum Kreis der Gründungsväter des Pariser Instituts.

Auf der Tagung wurde mit Ausnahme von Herbert Grundmann auch an die Beiratsmitglieder erinnert, die nur wenige Monate später den Gründungsmitgliedern von 1959 folgten: Paul Egon Hübinger (1911 bis 1987) und Stephan Skalweit (1914 bis 2003). Beide, ebenfalls eng mit dem Bonner Seminar verbunden, waren 1937 nach dem Geschichtsstudium zum Archivarslehrgang an das Dahlemer Institut für Archivwissenschaft gewechselt, hatten also, nach einem Diktum Raymund Kottjes, das Archiv als "Tauchstation" genutzt und konnten auch im Kriege nicht an einer Universität reüssieren. Hübinger, so legte Ulrich Pfeil (Saint-Étienne) dar, habilitierte sich zwar 1943 bei Fritz Kern, doch erhielt er keine Venia legendi. Schon zuvor hatte Hübinger sein Interesse an der französischsprachigen Geschichtswissenschaft erkennen lassen, als er Henri Pirennes Werk über Mohammed und Karl den Großen übersetzte und 1939 in erweiterter Form vorlegte, ein Buch, das der Projektion des Deutschtums auf das frühe Mittelalter entgegentrat.

Während Hübinger, der im Staatsarchiv Koblenz überwinterte und in der Bundesrepublik die Kulturabteilung des Bundesinnenministeriums aufzubauen half, sich geradlinig verhielt, war sein Freund Stephan Skalweit von anderer Natur. Eher schüchtern und kein Homo politicus, trat er der NSDAP bei. Matthias Pape schilderte seinen Lehrer als frankophilen Historiker, der sich 1947/48 an den Diskussionen um eine Neugründung der Bonner Universität als "Rheinische Landesuniversität" beteiligte, Otto Hintzes vergleichend-typologischen Ansatz aufnahm und - wie Pape in Abgrenzung von Lutz Raphael betonte - die sozialhistorischen Methoden der französischen Annales-Schule keineswegs trotzig ablehnte. So wurde Skalweit trotz seines schwierigen Charakters 1957 an die Universität des Saarlandes berufen, um eine Brücke zwischen Frankreich und Deutschland zu schlagen. 1965 lehnte er es ab, Direktor des DHIP zu werden.

Zu diesem Zeitpunkt lehrten mit Braubach, Skalweit, Ewig und Hübinger vier Beiratsmitglieder am Bonner Historischen Seminar, das sich, so Pape, geradezu als Pendant des Pariser Instituts verstehen konnte. Bernhard Döll ging als Zeitzeuge von ministerieller Seite noch weiter und bezeichnete das DHIP als in jener Phase von Bonn gesteuert. Der fünfte im Kreis war als Beinahe-Bonner der in Bad Godesberg wohnende, in Köln lehrende Theodor Schieffer, der von Rolf Grosse (Paris) porträtiert wurde. Ihm, so Konrad Repgen, brachten die anderen, auch Hübinger, höchsten Respekt entgegen: "Schieffers Wort war Evangelium."

Als zu schwach und opportunistisch wies Michael F. Feldkamp (Berlin) Leo Just (1901 bis 1964) in die zweite Reihe, obwohl er als Bonner Privatdozent, Mainzer Ordinarius und mit seiner rheinisch-katholischen Prägung zum Kreis um Hübinger gepaßt hätte. Rätselhafter ist hingegen, wieso Heinrich Büttner (1908 bis 1970) trotz seines einnehmenden Wesens, seiner Protegierung durch die Militärregierung und seines lebhaften Bemühens um die deutsch-französische Aussöhnung zum Gründungskreis nicht zugelassen wurde. Vielleicht waren es, so wurde nach dem Vortrag von Wolfgang Freund (Saarbrücken) vermutet, seine NSDAP- und SA-Mitgliedschaften sowie lobende Worte Werner Bests, die eine Zusammenarbeit ausschlossen.

Klar wurde hingegen die prägende Rolle des von 1968 bis 1989 amtierenden Institutsdirektors Karl Ferdinand Werner durch den Vortrag Olivier Guillots (Paris). Werner baute das Deutsche Historische Institut in Paris zu einem wissenschaftlichen Zentrum mit Zeitschrift, regelmäßigen Tagungen und Habilitanden aus, das zum Abschluß seiner Tätigkeit das neue großzügige Institutsgebäude an der Rue du Parc-Royal bezog.

Der personengeschichtliche Ansatz provozierte alte und neue Fragen, die wohl auch zum Jubiläum 2008 noch nicht endgültig beantwortet sein werden. Unterschieden sich die Historiker des Bonner Seminars wirklich so sehr von denen im übrigen Deutschland? Tatsächlich schien im nachhinein Peter Schöttlers Einführung beinahe deplaziert. Er hatte an die am benachbarten Bonner landeskundlichen Institut betriebene Westforschung erinnert und an die Sammlung rechtsextremer Historiker in Alfred Toepfers Ranke-Gesellschaft. Freilich gab es auch im Bonner Kreis NSDAP-Mitglieder, nicht Braubach und Hübinger, aber selbst Ewig hat einen verlorenen Aufnahmeantrag gestellt.

Hieraus erwuchs die alte Frage nach der Bedeutung einer NSDAP-Mitgliedschaft, die aus dem Auditorium diesmal Gerd Krumeich stellte. Schöttler antwortete mit Klemperers Lingua tertii imperii: Wer wie ein Nazi spreche, sei ein Nazi. Nötig sei gleichwohl ein Historikerlexikon, das in der Qualität dem Germanistenlexikon von Michael Budruss gleichkommen müsse. Derartige Forschungen könnten dann auch verdeutlichen, daß die Bonner DHIP-Gründer den "Annales" und insbesondere Marc Bloch sowie Fernand Braudel nicht kritiklos, aber doch offen gegenüberstanden. Darüber hinaus wird die Rolle der Archivare zu klären sein. Der These von der Kulturschützerfunktion steht der Vorwurf der Plünderung gegenüber. Es ist nicht das schlechteste Resultat einer Tagung, wenn man sie nachsinnend über weitere Forschungsaufgaben verläßt.







Gemeinsame Pressemitteilung von Bundesgesundheitsministerium, Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung, 27. Dezember 2006

TRÄGER DES FORSCHUNGSPREISES ZUR ROLLE DER ÄRZTESCHAFT IM NATIONALSOZIALISMUS BENANNT

Die Jury hat entschieden: Der Forschungspreis zur Rolle der Ärzteschaft in der Zeit des Nationalsozialismus geht gleichberechtigt an Ralf Forsbach, Lorenz Peter Johannsen und Winfried Süß.

Dazu erklärt Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt: „Die Spuren der Ärztinnen und Ärzte jüdischen Glaubens sichtbar zu machen, ihr unfassbares Leid zu belegen, die Vergangenheit erfahrbar und für die Zukunft nutzbar zu machen, dazu dient der ‚Preis für wissenschaftliche Arbeiten zur Rolle der Ärzteschaft in der Zeit des Nationalsozialismus’, den die Bundesärztekammer, die Kassenärztliche Bundesvereinigung und das Bundesgesundheitsministerium ausgeschrieben haben. Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Vergangenheit ist notwendig. Sie muss dazu dienen, im heutigen Alltag sensibel und hellhörig zu bleiben. Die große Zahl und das breite Spektrum der eingereichten Arbeiten zeigen, wie viel Forschungsarbeit gerade in der jüngeren Vergangenheit geleistet wurde, um das Schicksal der jüdischen Ärzte, aber auch anderer Opfer sowie die Täterrolle deutscher Ärzte im Nationalsozialismus zu beleuchten. Umso erfreulicher ist die hohe Qualität nicht nur der prämierten Arbeiten, die wichtige Aspekte aus dem dunkelsten Kapitel unserer Geschichte ans Licht der Öffentlichkeit bringen.“

Forsbach hatte das von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), der Bundesärztekammer (BÄK) und dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) besetzte Komitee mit seiner Arbeit „Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im ‚Dritten Reich’“ überzeugt. Er gewann in der Disziplin Institutionengeschichte. Johannsen schrieb über den „Kinderarzt Karl Leven. Lebensspur – Todesspur“ in der Kategorie Einzelschicksale. Die Studie von Süß trägt den Titel „Der ‚Volkskörper’ im Krieg. Gesundheitspolitik, Gesundheitsverhältnisse und Krankenmord im nationalsozialistischen Deutschland 1939 – 1945“ und erhielt den Preis in der Kategorie Innovation/Originalität.

Mehr als 50 Arbeiten waren bei der Jury eingegangen. Diese zeigte sich überrascht von der Menge und hocherfreut über die Qualität. Daher entschied sie sich, den Preis gleich in drei Kategorien zu vergeben. Sie lobte bei Forsbach die „enorme Leistung einer einzelnen Person“ und die Systematik. Die Arbeit gebe einen guten Überblick über die Vorgeschichte und die Inhalte der Maßnahmen im Nationalsozialismus, über die Verstrickung und Betroffenheit der handelnden Personen sowie über Kontinuitäten und Brüche nach 1945. An Johannsens Biographie gefiel dem Komitee besonders die gute Recherche. Der Kinderarzt Leven würde stellvertretend für Tausende Kollegen der Vergessenheit entrissen. Die Arbeit von Süß wiederum enthalte Antworten auf viele zuvor offene medizinhistorische Fragen, unter anderem weil sie Auskunft über die Gesundheitsversorgung im Zweiten Weltkrieg gebe.

Darüber hinaus erkannte das Gremium Sonderpreise zu. Der erste geht an Beatrice Moreno et al. für die Arbeit „Tele-Tutor Medizin im Nationalsozialismus“, der zweite an Sven Eppinger für „Das Schicksal der jüdischen Dermatologen Deutschlands in der Zeit des Nationalsozialismus“. Die Jury will mit der Vergabe der zusätzlichen Auszeichnungen Medizinstudenten dazu motivieren, sich mit der Rolle der Ärzteschaft im Dritten Reich auseinander zu setzen. Die Hauptpreise sind jeweils mit 3.000 Euro, die Sonderpreise mit 500 Euro dotiert. Die Preisverleihung findet im kommenden Jahr statt.

Zur Jury gehörten: Prof. Dr. phil. Robert Jütte, Prof. Dr. med. Leo Latasch, Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, Prof. Dr. med. Dr. phil. Heinz Schott und Dr. med. Roman Skoblo.


 
forsch – Bonner Universitäts-Nachrichten, Nr. 3/2006 (Juli 2006), S. 31

KEIN HORT DES WIDERSTANDES
DIE MEDIZINISCHE FAKULTÄT IM „DRITTEN REICH“

Von Ulrike Eva Klopp

Aktivisten, Mitläufer, Verzagte und Widerstandsbereite. So verhalten sich Menschen unter totalitärer Herrschaft - auch an einer Universität. Am Medizin­historischen Institut hat ein Forschungsprojekt mit einem Buch zur Geschichte der Medizinischen Fakultät im "Dritten Reich"  sei­nen Abschluß gefunden.

"Es ist nichts völlig Unerwartetes ans Tageslicht gekommen", sagt der Autor Dr. Ralf Forsbach. Nicht nur die Medizin selbst war ein Instru­ment des Nationalsozialismus zur Verwirklichung seiner rassistischen Ideologie, auch ihre Terminologie diente als Propagandamittel: Para­sit, Bazillus, Ansteckung. Themen wie Rassenhygiene und eugenische Gesetzgebung fanden sich entspre­chend im damaligen Lehrplan. Das ist ein beklemmender, aber wichti­ger Teil auch der Bonner Universi­tätsgeschichte. Vor nicht allzu lan­ger Zeit wäre eine Studie wie diese auf manchen Widerstand gestoßen – nun wurde sie sogar von der Fa­kultät intensiv gefördert. Ange­regt hatte der damalige Dekan Pro­fessor Dr. Hans Jürgen Biersack das Projekt bereits 1990; Anlaß war der Kontakt mit der jüdischen Absol­ventin Dr. Eva Glees. Ihr hatte man 1934 nach erfolgreich abgelegter Doktorprüfung zunächst den Titel verweigert.

Gutachter über Leben und Tod

Ende 1934 zählte ein Viertel und ab Ende 1937 etwa die Hälfte der Or­dinarien zu den Mitgliedern der NSDAP. Von den vierzehn Unter­zeichnern einer 1933 im "Gene­ral-Anzeiger" erschienenen Erklä­rung "Für Adolf Hitler" gehörten 50 Prozent der Medizinischen Fakul­tät an. Juden und zwangsweise nach Deutschland verbrachte Menschen mußten auf die Menschlichkeit der Ärzte und des Pflegepersonals hof­fen, wollten sie behandelt werden -und wurden bisweilen vom Perso­nal oder von Mitpatienten übel be­schimpft. In mehreren Kliniken und Instituten hielten Praktiken Einzug, die so nur unter den Bedingungen eines Unrechtsstaats möglich wa­ren. In der Psychiatrie fanden um­strittene Behandlungsmethoden wie die zwangsweise Elektrotherapie verbreitete Anwendung. Zwangs­arbeiterinnen wurden zur Abtrei­bung gezwungen; vor allem psy­chisch Kranke, aber auch Homose­xuelle und "Fremdarbeiter" wurden in der Chirurgischen und in der Frau­enklinik zwangssterilisiert. "Dabei ging es nicht nur um das Verhin­dern von ‚erbkrankem Nachwuchs’. Auch als ,Rheinlandbastard’ be­schimpft zu werden wie die Tochter eines französischen, dunkelhäuti­gen Soldaten oder ein Streit mit dem Arbeitgeber konnte, wie der Fall ei­ner 24-jährigen Kontoristin zeigt, in der zwangsweisen Sterilisierung en­den", weiß Dr. Forsbach.

Im Anatomischen Institut ging man nicht so weit wie andernorts, Leichenlieferungen über gute Bezie­hungen zu Konzentrationslagern si­cherzustellen, sondern zog aus der großen Zahl Hingerichteter Nutzen. Früh morgens wurden zum Beispiel im Kölner Klingelpütz gleich nach der Exekution Leichen in Empfang genommen. Aber daß auch das Ab­holen per "Leichenkraftwagen" von sehr viel weiter entfernten Orten er­wartet wurde, belastete und führte zu Briefwechseln in Sachen Zeitmangel und Brennstoffrationierung.

Bonner Professoren waren auch außeruniversitär an Verbrechen be­teiligt. So entschieden Psychiater im Rahmen der "Euthanasie" als Gut­achter über Leben und Tod von Pa­tienten und Heiminsassen. Auch an der Verschickung von Kindern in Tö­tungsanstalten waren Universitätsdo­zenten beteiligt. Vor seiner Anstel­lung in Bonn ließ der Gerichtsmedi­ziner Gerhard Panning im Osteinsatz experimentell Munition auf todge­weihte Juden feuern. Zugute halten kann sich die Fakultät, daß fünf von 14 Ordinarien gegen ihren Willen - beziehungsweise in einem Fall ohne ihre Zustimmung - einen Lehrstuhl in Bonn erhielten. Und bemerkens­wert ist, daß mit dem Pädiater Otto Ullrich 1943 erstmals seit 1935 wie­der ein Nichtnationalsozialist beru­fen wurde.

Opposition eher pragmatisch

"Es gab Opposition. Doch bezog sie sich meist nicht auf das auch in Bonn verübte oder bekannte Un­recht - Einspruch erhob man in der Regel dann, wenn Belange des Betriebsablaufs gefährdet wa­ren", stellt Dr. Forsbach fest. Eini­ge schwiegen auch hier, andere fan­den den Mut, Protestschreiben zu verfassen und Gegenkonzepte zu entwerfen. Doch auch die mutigen Nichtangepaßten luden Schuld auf sich wie der Direktor der Medizini­schen Klinik Paul Martini als wenig zurückhaltender Berater der Wehr­macht oder der Direktor des Patho­logischen Instituts Wilhelm Ceelen als Dekan während der Vertreibung seines Kollegen Alfred Kantorowicz. Der renommierte Direktor der Zahnklinik Kantorowicz zählte als Jude und Sozialdemokrat zu den Verfolgten des NS-Regimes. Ähn­liches gilt für den jüdischen Psych­iater Otto Löwenstein. Viele ande­re Juden wurden teilweise mit ihren Verwandten und Freunden vertrie­ben, verfolgt, in ihren Rechten ein­geschränkt oder aber zur Emigrati­on veranlaßt. Die Fakultät als solche blieb stumm oder unterstützte die Maßnahmen sogar. Geholfen wurde den Verfolgten allenfalls von ein­zelnen dort Beschäftigten. Auch im Hinblick auf studentische Oppositi­on war Bonn keine Hochburg. Wil­li Graf, später herausragender Ver­treter der "Weißen Rose", studierte zwar bis zum Physikum hier. Aber: "Seine Bonner Ansprechpartner rie­ten von Flugblattaktionen ab", be­richtet Dr. Forsbach.

Auch wie sich die Verhältnis­se nach Kriegsbeginn entwickelten und die Erneuerung nach Krieg und Diktatur ist detailliert nachzulesen in dem über 750 Seiten umfassen­den Buch: Die Medizinische Fakul­tät der Universität Bonn im "Dritten Reich", erschienen im Münchener Oldenbourg-Verlag. Es enthält auch Geleitworte der Bonner Professo­ren Dr. Klaus Hildebrand und Dr. Dr. Heinz Schott, der dem Autor be­scheinigt, ein "lebendiges, anschau­liches Panorama" erstellt zu haben. 







Deutsches Ärzteblatt 103, Nr. 25, 23. Juni 2006, S. A-1742

MEDIZINGESCHICHTE

ANERKENNUNG

Von Robert Jütte

Kurz nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten weigerte sich der Leiter der Bonner Poliklinik, Prof. Max Bürger (1885–1966), die Hakenkreuzfahne auf der Klinik zu hissen, und äußerte sich im vertrauten Kreise, dass er bei Hitler immer an einen Bismarckhering denken müsse, „dem man das Gehirn herausgenommen“ habe. Doch schon bald war mit einem so riskanten Oppositionsverhalten des Klinikchefs aus opportunistischen Gründen Schluss. Als 1937 Bürgers Wechsel auf den Lehrstuhl nach Leipzig bevorstand, beantragte er die Mitgliedschaft in der NSDAP. 
                                                                                                                                                                      Andere Mitglieder der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn schafften es dagegen, wie die gründliche medizinhistorische Arbeit von Ralf Forsbach zeigt, sich nicht ideologisch vereinnahmen zu lassen. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass Bonn damals eine Hochburg des rheinischen Katholizismus war. Zu den profiliertesten Katholiken an der Medizinischen Fakultät zählte der Internist Paul Martini, der sich allerdings nicht völlig den Zwängen eines totalitären Regimes zu entziehen vermochte und somit zum Mitläufer wurde. Bereits 1933 war ein Drittel der Fakultätsmitglieder auch in der NSDAP, bei Kriegsende waren es schließlich mehr als zwei Drittel. An Verbrechen gegen die Menschlichkeit waren nur wenige Professoren beteiligt, vor allem die Psychiater Friedrich Panse und Kurt Pohlisch.
                                                                                                                                                                             Die Bonner Universität verdient Anerkennung dafür, dass sie den Mut und die finanziellen Mittel fand, auch dieses dunkle Kapitel der Universitätsgeschichte aufarbeiten zu lassen. So widerfährt den zahlreichen Opfern, sowohl den ermordeten Kranken als auch den ins Exil getriebenen Ärzten, ein wenig Wiedergutmachung, indem ihr Schicksal nicht mehr länger der Vergessenheit anheim fällt.

Ralf Forsbach: Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im „Dritten Reich“. R. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München, 2006, 767 Seiten, 49,80 €







Schnüss. Das Bonner Stadtmagazin, März 2006

KEIN HORT DES WIDERSTANDES

DIE MEDIZINISCHE FAKULTÄT IM NATIONALSOZIALISMUS

Von Barbara Buchholz 

[…] Akribisch beschreibt Forsbach die Situation der einzelnen Institute während des „Dritten Reiches“, in struktureller Hinsicht wie anhand der Menschen, die sie prägten. Gut die Hälfte der umfangreichen Studie nimmt dieser Teil ein, in dem Forsbach differenziert verschiedene Typen von mehr oder weniger Schuldigen darstellt […]. „Es gab Opposition“, schreibt der Autor später, doch die richtete sich nicht gegen das Unrecht, sondern sei laut geworden, wenn der Betriebsablauf gefährdet war. Aufschlußreich ist das knappe Kapitel über die Fakultät nach 1945 und die oft milde Prozedur der Entnazifizierung. Das Wort „Neuanfang“ setzt Forsbach vorsichtig in Anführungszeichen und sagt dazu: „Fast alle Nachkriegsdekane der Fakultät waren Mitglieder der NSDAP, bis in die sechziger, siebziger Jahre.“ […] Die Medizinische Fakultät in der Nachkriegszeit und in der jungen Bundesrepublik, meint Forsbach, das wäre in der Tat ein Projekt. Anvisiert ist es aber nicht.







Via medici online 2006

DIE MEDIZINISCHE FAKULTÄT IM DITTEN REICH
BONNER MEDIZINHISTORIKER VERÖFFENTLICHT UMFASSENDES BUCH ZUM THEMA
Von Maren Hermerath

http://www.thieme.de/viamedici/studienort_bonn/buchhandlungen/drittes_reich.html






General-Anzeiger (Bonn), 7. Februar 2006

DIE MEISTEN WAREN „MITLÄUFER“

DIE MEDIZINISCHE FAKULTÄT IN BONN WÄHREND DES DRITTEN REICHS

Von Claudia Wallendorf

Bonn. "Nestbeschmutzung" - vor ein paar Jahren wäre eine Untersuchung, die das Verhalten der eigenen Universität während des Nationalsozialismus darstellt, vielleicht noch in diese Ecke gestellt worden. Heute sieht man das anders: Professor Matthias Winiger, Rektor der Universität Bonn, würdigt das Buch des Historikers Ralf Forsbach "Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im 'Dritten Reich'" als notwendiges Forschungsprojekt und verpflichtende Auseinandersetzung mit einer zu lange verdrängten Wahrheit.

Forsbach arbeitet seit 1999 am Medizinhistorischen Institut der Universität Bonn. In seinem Buch hat er erstmals die Entwicklung einer Medizinischen Fakultät monographisch aufgezeichnet. Herausgekommen ist eine detaillierte und akribische Darstellung.

Die Liste der Verbrechen ist lang, die sich zwischen 1933 bis 1945 auch an der Medizinischen Fakultät zutrugen. In der Psychiatrie wurden Patienten zwangsweise mit Elektroschocks behandelt. In der Chirurgischen Klinik und der Frauenklinik sterilisierten die Ärzte psychisch Kranke, Homosexuelle und sogenannte Fremdarbeiter gegen ihren Willen. Zwangsarbeiterinnen mussten abtreiben.

Im Anatomischen Institut arbeitete man wie selbstverständlich mit den Leichen von hingerichteten politischen Gefangenen. Für Juden war es Glückssache, ob sie medizinisch behandelt wurden oder nicht: Sie mussten auf die Menschlichkeit der Ärzte und des Pflegepersonals hoffen. Gelegentlich wurden sie übel beschimpft.

Widerstand gegen den Rassenwahn der Nazis und ihr menschenverachtendes "Gesundheitssystem" gab es kaum. Wenn, dann regte er sich nicht gegen das alltägliche Unrecht, sondern gegen Störungen im Betriebsablauf, etwa bei Finanz- oder Personalfragen. Dann hätten einige Mediziner immerhin den Mut gefunden, umfassende Protestschreiben zu verfassen und Gegenkonzepte zu entwerfen.

Natürlich lassen sich nicht alle Fakultätsmitglieder über einen Kamm scheren. Es gab "mutige Nichtangepasste" wie Erich von Redwitz, damals Chef der Chirurgischen Klinik. Doch auch er habe Zwangssterilisierungen zugelassen. Mit Paul Martini (damals Klinikdirektor der Inneren Medizin) gab es sogar einen Repräsentanten der katholischen Opposition.
Dennoch liefern zahlreiche Mosaiksteinchen den Beleg für Forsbachs Schlussfolgerung, dass die Medizinische Fakultät der Universität Bonn während des "Dritten Reiches" kein Hort des Widerstandes war. Im Gegenteil: "In ihrer übergroßen Mehrheit arbeiteten die Bonner Mediziner Hitler nicht entgegen, sondern waren 'Durchführer' dessen, was in Berlin angeordnet wurde."

Bereits 1933 war jeder dritte Fakultätsangehörige Mitglied der NSDAP. Bis 1945 wuchs der Anteil auf knapp 70 Prozent. Bei den Studenten sah das etwas anders aus: "Bei den freien Wahlen zur 'Allgemeinen Studenten-Arbeitsgemeinschaft' (Astag) konnten die Nationalsozialisten nie wesentlich mehr als ein Viertel der Stimmen auf sich vereinen", sagt Forsbach. "Anderenorts erzielten sie oft doppelt so hohe Ergebnisse."

Dennoch habe sich nach 1933 die Mehrzahl der Studenten den neuen Verhältnissen angepasst, auch wenn einige von ihnen in Oppositions- und Widerstandsgruppen aktiv gewesen seien.

Anpassung war wohl das vorherrschende Motiv bei den Bonner Medizinern. "Es wäre möglich gewesen, sich zu weigern", sagt Forsbach etwa im Hinblick auf die Assistenzärzte. Man hätte dann zwar seine wissenschaftliche Karriere gefährdet, aber als niedergelassener Arzt durchaus seinem Beruf nachgehen können. "Wir verstehen nicht, warum das passieren konnte", sagt Professor Eduard Seidler, früher Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin der Uni Freiburg, über seine Standeskollegen.

Warum sich eine geistige Elite widerstandslos gleichschalten ließ, ein neues Gesellschaftssystem quasi über Nacht verinnerlichte und konsequent umsetzte. Die Auseinandersetzung mit diesem "monströsen und sperrigen Thema", wie Winiger es nennt, hat gerade erst angefangen.

Ralf Forsbach: Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im "Dritten Reich". Oldenbourg-Verlag, 767 Seiten, 49,80 Euro.









Bonner Rundschau, 28. Januar 2006

UNI WAR KEIN HORT DES WIDERSTANDS

GEDENKEN AN OPFER DES NATIONALSOZIALISMUS

DIE MEDIZINISCHE FAKULTÄT IN DER NS-ZEIT

Von Barbara Buchholz 
 
BONN. Am Freitag mit der Abenddämmerung, wenn ein weißer Faden sich nicht mehr von einem schwarzen unterscheiden lässt, beginnt für gläubige Juden der Schabbat. Deswegen fand die abendliche Gedenkstunde zur Erinnerung an die Befreiung von Auschwitz im Alten Rathaus in diesem Jahr einen Tag früher als üblich statt. Unter dem Motto „Nicht nur Auschwitz… Ermordung und Verfolgung von Jüdinnen und Juden aus Bonn" luden Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann und die Bonner Initiative zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus am Donnerstagabend in den Gobelinsaal.

Die Schicksale von sechs Bonner Bürgerinnen und Bürgern jüdischen Glaubens und deren Familien zeichneten die Vortragenden nach. Der Arzt Max Weis zum Beispiel lebt mit seiner Frau Bella und seinem Sohn in Beuel, wo er auch eine erfolgreiche Praxis führt. Er wird 1938 von der Gestapo verhaftet, schafft 1939 mit seiner Frau die Ausreise per Schiff. Völlig mittellos kommt das Paar in London an. Max Weis arbeitet weiter als Arzt, erst in London, dann in Cardiff. Später versucht er vergeblich, die arisierten Teile des Familienvermögens zurückzubekommen. Max Weis stirbt 1952, kurz darauf nimmt Bella Weis sich das Leben. Seit 2002 erinnert in Beuel der Doktor-Weis-Platz an den jüdischen Arzt.

Welches Unrecht während des NS-Regimes an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn begangen wurde, hat der Bonner Medizinhistoriker Ralf Forsbach nach ausgiebiger Recherche ans Licht gebracht. Er hat sich einem Thema gewidmet, das in Deutschland lange als Tabu galt. Sein Buch „Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im ‚Dritten Reich’“ (erschienen im Oldenbourg Verlag) wurde gestern im Poppelsdorfer Schloss vorgestellt – ganz bewusst am Tag der Befreiung von Auschwitz.

Kein Hort des Widerstandes sei der Fachbereich Medizin gewesen, stellte Forsbach fest. Auf mehr als 750 Seiten zeichnet der Historiker die Geschehnisse in den Bonner Kliniken und Instituten zur NS-Zeit nach. Einige Beispiele griff er heraus: So seien in der Chirurgischen Klinik und der Frauenklinik psychisch Kranke, Homosexuelle und „Fremdarbeiter" gegen ihren Willen sterilisiert und Zwangsarbeiterinnen zur Abtreibung gezwungen worden. Im Anatomischen Institut habe man von den massenhaft Hingerichteten profitiert, indem man mit deren Leichen arbeitete. Für jüdische Patienten sei es eine Frage der Menschlichkeit der Ärzte und des Pflegepersonals gewesen, ob sie behandelt wurden. „Die Fakultät blieb stumm oder unterstützte das NS-Regime sogar", resümierte Ralf Forsbach, seit 1999 Mitarbeiter am Medizinischen Institut der Universität Bonn. Es habe zwar Opposition gegeben, so Forsbach, „doch die richtete sich meist nicht gegen das in Bonn verübte Unrecht, sondern wurde erst laut, wenn der Betriebsablauf gefährdet war, bei Finanzangelegenheiten oder Personalmangel."

Ob Mitläufer oder Täter niederer Gesinnung, fest steht, dass schon 1933 jeder dritte Fakultätsangehörige Mitglied der NSDAP war, bis 1945 wuchs der Anteil auf knapp 70 Prozent. Die Studierenden gaben zunächst ein anderes Bild ab. So konnten die Nazis bei freien AStA-Wahlen nie wesentlich mehr als ein Viertel der Stimmen holen. „Nach 1933 passten sich aber die meisten an", erklärte Forsbach.

Zu ähnlichen Ergebnissen ist auch schon Professor Eduard Seiler gekommen, ehemaliger Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität Freiburg. Je schärfer die Gesetze des NS-Regimes in die Strukturen der Institute eingriffen, fand er heraus, desto weniger Widerstand leisteten die Fakultätsangehörigen.









Rhein-Sieg-Anzeiger (Kölner Stadt-Anzeiger), 19. Januar 2006

KEIN HORT DES WIDERSTANDES

BUCH ÜBER DIE MEDIZINISCHE FAKULTÄT DER UNIVERSITÄT WÄHREND DER NAZIZEIT

Von Stefan Villinger

Bonn/Siegburg – Für die 15-jährige Claudine (Name geändert) brach eine Welt zusammen. Am 2. Juni 1937 wurde das völlig verängstigte Mädchen in die Frauenklinik der Universität Bonn eingeliefert. 15 Tage später, am 17. Juni, teilte dann der Direktor der Bonner Frauenklinik, Harald Siebke, einer Sonderkommission der Gestapo mit, dass das Mädchen nunmehr unfruchtbar sei: „Operation und Heilung sind ganz glatt verlaufen, irgendwelche Gesundheitsstörungen sind nicht zu erwarten“. Claudines Vater war ein französischer Soldat mit dunkler Hautfarbe, der nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg im Rheinland stationiert war; ihre Mutter Deutsche. Diese Kinder einer farbigen Minderheit wurden im Volksmund verächtlich als „Rheinlandbastarde“ bezeichnet. Das genügte den Nationalsozialisten in ihrem arischen Rassenwahn, um sie sterilisieren zu lassen.

Das ist eines von vielen Schicksalen, die der Siegburger Historiker Ralf Forsbach in seinem Buch „Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im Dritten Reich“ schildert. Seine akribischen Untersuchungen führten ihn in die verschiedensten Archive; was er dort fand, ist nun auf 767 Seiten veröffentlicht.

Die Liste der Unrechtstaten ist lang: In der Psychiatrie behandelte man Patienten zwangsweise mit Elektroschocks. In der Chirurgischen Klinik und der Frauenklinik wurden psychisch Kranke sowie Homosexuelle gegen ihren Willen sterilisiert. Die Leichen von in Köln hingerichteten politischen Gefangenen gelangten in die Bonner Anatomie. Dort wurden sie von Studenten seziert.

„Die Ärzte brauchten diese Eingriffe nicht gegen ihren Willen vornehmen,“ betont Ralf Forsbach, „die Mediziner hätten sich weigern können. Sie wären dann wahrscheinlich zwar aus dem Universitätsdienst entlassen worden, ihr Leben wäre jedoch nicht bedroht gewesen. Als niedergelassene Ärzte hätten sie auch ein Auskommen gehabt.“

Die 1936 nach England emigrierte Ärztin Dr. Eva Glees wendete sich im Jahre 1990 an die Universität. Ihre Doktorprüfung hatte sie 1934 abgelegt. Den Titel wollte man der jüdischen Medizinerin damals jedoch vorenthalten. Nur auf Umwegen erhielt sie dann noch ihre Promotionsurkunde mit zweijähriger Verzögerung im Jahre 1938. Die medizinische Fakultät der Universität Bonn nahm dies zum Anlass, um ihre Geschichte während des Nationalsozialismus' aufzuarbeiten. Mittlerweile seien von einer gewissen historischen Distanz aus umfassende wissenschaftliche Analysen der Medizin im Nationalsozialismus möglich geworden, schreibt der Direktor des Medizinischen Instituts der Uni Bonn, Heinz Schott, in seinem Geleitwort.

Die Ärzteschaft in Bonn war im Jahre 1944 im Vergleich mit anderen Städten nicht mehrheitlich in der NSDAP organisiert. 45,2 Prozent hatten ein Parteibuch. In Siegburg waren 70,7 Prozent der Mediziner Nationalsozilisten, in Köln 58,1 Prozent. Erwähnt werden sollte auch, dass Paul Martini - damals Klinikdirektor der Inneren Medizin, ein Repräsentant der katholischen Opposition gegen die Nationalsozialisten war. Nach dem Krieg wurde er auch Arzt von Bundeskanzler Konrad Adenauer.

„Es ist nichts völlig Unerwartetes an Tageslicht gekommen“, so Ralf Forbach über sein Buch, „es gab in Deutschland andere Institutionen, die wesentlich stärker in das System der Nationalsozialisten involviert waren. Das nun vorgelegte Werk ist jedoch ein wichtiger Teil der Beschäftigung mit der Bonner Universitätsgeschichte.“

Bezugsquelle Dr. Ralf Forsbach, Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im „Dritten Reich“, 49,80 Euro, ISBN: 3-486-57989-4, Oldenbourg Wissenschaftsverlag









Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. August 2001

DA MÜSSEN WIR IN DER SCHULE GEFEHLT HABEN

EIN VERGESSENER ERZIEHER DER DEUTSCHEN: EUGEN FISCHER-BALING, DEM THOMAS MANN FÜR DAS BUCH "VOLKSGERICHT" DANKTE

Von Ralf Forsbach

Wie sehr sich der verfolgte Intellektuelle bisweilen nach Zeichen der Solidarität sehnt, hat in seinen Erinnerungen Marcel Reich-Ranicki eindringlich beschrieben. Er, der große Freund deutscher Literatur und insbesondere der Werke Thomas Manns, hoffte auf ein Wort, das Manns eindeutige Ablehnung der NS-Barbarei signalisierte. Im Februar 1937 erfuhr Reich-Ranicki von einer solchen Äußerung. Es handelte sich um Thomas Manns Reaktion auf die Aberkennung des ihm 1919 von der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn verliehenen Grades eines Ehrendoktors. In einem am Neujahrstag 1937 verfaßten Brief erhebt Mann den an die deutschen Universitäten gerichteten Vorwurf, sie seien „zum Nährboden der verworfenen Mächte“ geworden, „die Deutschland moralisch, kulturell und wissenschaftlich verwüsten“. Die für Reich-Ranicki „lebenswichtige Bedeutung“ dieser ihm in einem konspirativen Kreis mitgeteilten Botschaft faßt er so zusammen: „Thomas Mann hatte sich in diesem Brief zum ersten Mal und in aller Deutlichkeit gegen das ‘Dritte Reich’ gestellt“.

Jetzt ist ein Brief bekannt geworden, der, wäre er damals zirkuliert, schon vier Jahre früher zur Stütze der Gegner des NS-Regimes hätte werden können. Am 11. Februar 1933 verließ Thomas Mann Deutschland zu einer Vortragsreise nach Amsterdam, Brüssel und Paris. Anders als beabsichtigt, führte ihn diese Reise ins Exil. Noch von München, vielleicht auch von der Pension „Nirwana“ in Garmisch-Partenkirchen aus, jedenfalls aber auf dem Briefpapier der Poschingerstraße 1 in München, schrieb Thomas Mann wenige Tage zuvor von „den schauerlichen Geschichtsverfälschungen“ Hitlers. Dieser selbst wird als „geflickter Lumpenkönig“ eingeführt. „Unzeitgemäß“ zu sein, galt Thomas Mann in jener frühen Phase der NS-Herrschaft als „Ehrentitel“.

Adressat des Briefs war der 1881 im württembergische Balingen geborene Eugen Fischer-Baling, seit 1928 Direktor der Berliner Reichstagsbibliothek. Als Theologe und Historiker hatte er sich schon im ausgehenden Kaiserreich für eine Demokratisierung der deutschen Gesellschaft eingesetzt und deshalb eine sichere Stellung an der Berliner Universität im Streit mit Adolf von Harnack aufgegeben. In der Weimarer Republik der Deutschen Demokratischen Partei nahestehend und zeitweilig von seinem schwäbischen Landsmann Konrad Haußmann protegiert, wurde er Mitarbeiter und zuletzt Generalsekretär des die mit den Erstem Weltkrieg verbundenen Fragen behandelnden Untersuchungsausschusses der Nationalversammlung beziehungsweise des Reichstags.

Doch in einer Zeit der heftig umstrittenen und vielfach energisch verfochtenen „Dolchstoßlegende“ war es schwer, nicht nur nüchtern über das Ende, sondern auch über den Beginn des Weltkriegs zu debattieren. Fischer-Baling sah sich vor diesem Hintergrund veranlaßt, selbst mit Publikationen hervorzutreten, die zwar den Kriegsschuldartikel 231 des Versailler Vertrag ablehnten, gleichwohl aber die historischen Hintergründe des Krieges nicht verklären, sondern erklären wollten. Diese Art von Historiographie wußte Fischer-Baling mit Appellen anzureichern, die, wie es Thomas Mann ausdrückt, der „politischen Erziehung unseres großen und dabei in politischen Dingen so märchenthörichten Volkes“ dienen sollten.

Eine derartige Publikation war Fischer-Balings 1932 unter dem Titel „Volksgericht“ erschienene Darstellung der Revolution von 1918. Hier wußte er den auf nationale Eintracht gerichteten Geist der führenden Politiker zu würdigen, wie er in deren mildem Umgang mit den Akteuren des Kaiserreichs zum Ausdruck kam. Ein Revolutionstribunal hätte nicht seinen Vorstellungen entsprochen. Zwar wäre mit einer Verurteilung „der alten Herrenschicht [...] die deutsche Staatsumwälzung [...] anderen Revolutionen ähnlicher geworden“. „Aber“, fährt Fischer-Baling fort, „die Verantwortlichen des neuen Staates arbeiteten weder als Theater noch für das Theater. Sie unterlagen der Vernunft und der Gerechtigkeit“.

Daß gerade jene Rationalität und die Verweigerung des nationalen Pathos durch viele demokratische Politiker den Aufstieg bedenkenloser Feinde der Demokratie erleichterten, hat Fischer-Baling später erkannt. Thomas Manns vorsichtige Kritik an der als zu „gerecht“ empfundenen Würdigung der Revolution weist in diese Richtung. Er hätte sich die Revolution durchgreifender, sozialistischer gewünscht. Freilich gibt Mann auch dem Fatalismusgedanken Raum – ohne dem „Endziel“ einer starken sozialen Republik abzuschwören.

Die literarischen Qualitäten von Fischer-Balings Buch erwähnt Mann nicht. Dies hatte ein halbes Jahr zuvor bereits der sich eindeutig zum Weimarer Staat bekennende Historiker Veit Valentin getan, als er sich „manchmal an Johann Peter Hebel in seinem weltklugen Volkston“ erinnert fühlte. Doch natürlich bewahrte auch ein solches Urteil kein Buch vor dem Kulturterror der Nationalsozialisten. Im April 1933 stand das „Volksgericht“ ebenso wie Fischer-Balings 1928 veröffentlichtes Werk „Die kritischen 39 Tage von Sarajewo bis zum Weltbrand“ auf deren „schwarzen Liste“ und wurde während der Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 öffentlich „den Flammen übergeben“. Am 26. April 1933 fand das „Volksgericht“ zudem in einer verhältnismäßig kurzen Zusammenstellung verfemter Literatur Erwähnung, die durch den Abdruck in der „Berliner Illustrierten Nachtausgabe“ weite Verbreitung fand.

Trotzdem gelang es Fischer-Baling, bis 1945 im Amt zu bleiben. Sein von Thomas Mann so eindeutig klassifiziertes Buch stand ihm dabei durchaus im Wege. Ihm wohl gesonnenen Kreisen gelang es aber, das Werk umzudeuten. In einem Gutachten des Auswärtigen Amtes hieß es nun, das „Volksgericht“ habe „der Sozialdemokratie zum Bewußtsein bringen“ sollen, „daß sie 1914 - 1918 in der nationalen Partei gestanden habe und durch Weimar ein für allemal der Nation, nicht der Internationale, verhaftet sei“. Auch Fischer-Baling selbst glaubte in einer schwachen Stunde, seinem Vorgesetzten, dem Reichstagspräsidenten Hermann Göring, auf Parallelen zwischen seinem und dem nationalsozialistischen Denken hinweisen zu müssen.

Mit ganz anderem Engagement verfocht der Autor nach dem Ende des „Dritten Reiches“ den Gedanken, dem Buch größere Aufmerksamkeit zu verschaffen. Von Paul Löbe erhoffte er sich 1948 Hilfe, um das „Volksgericht“ in gekürzter Form „als Roman in die Zeitung“ zu bringen. In der Frage einer Neuveröffentlichung wurde der einflußreiche, bei der amerikanischen „Neuen Zeitung“  tätige Journalist Hans Lehmann aktiv. Doch nun war das Buch tatsächlich und im eingentlichen Wortsinne „unzeitgemäß“ geworden. Der Lektor des Zinnenverlags, Rudolf Schneider-Schelde, urteilte im Frühling 1946 über das „Volksgericht“: „Der Tenor des Buchs ist so, dass eine grössere Leserschaft zweifellos eine Rehabilitierung der Motive des Nazitums darin oder zumindest in der Tatsache seiner Neuauflage erblicken würde. [...] Teile daraus lassen sich gleichfalls nicht publizieren, einmal weil das Ganze im Ganzen einen einheitlichen Tenor enthält, den des national-demokratischen Patriotismus, dann aber auch, weil eine Umredigierung uns mit dem Vorwurf der Verfälschung bedrohen müßte“.

Mit Blick auf den Titel „Volksgericht“ äußerte auch Lehmann Kritik. 1932 habe dieser „etwas für sich gehabt“, nicht aber in der Gegenwart des Nachkriegsdeutschland. Nur seinerzeit sei damit zum Ausdruck gekommen, „die Deutschen“ hätten „1918 gut getan und etwas sehr Gutes gemacht mit ihrer Weimarer Republik“. 1961 unternahm Fischer-Baling einen letzten vergeblichen Versuch, das „Volksgericht“ neu herauszugeben, diesmal bei dem die alten Rechte besitzenden Rowohlt-Verlag.      

Fischer-Baling war nach dem Kriege in anderen Dingen weitaus mehr Erfolg beschieden. Sein im besten Sinne aufklärerisches Wirken setzte noch 1945 ein, obwohl die Verwechslung mit dem nationalsozialistischen Rasseforscher Eugen Fischer dazu führte, daß er mehrere Wochen in einem amerikanischen Internierungslager unter lebensbedrohlichen Umständen festgehalten wurde. Er hielt Vorträge an Volkshochschulen und im Rundfunk. Als Professor lehrte er Geschichte und Politik, zunächst, bis es das kommunistische Regime unmöglich machte, an der Bergakademie Freiberg, dann an der neu gegründeten Berliner Hochschule für Politik, schließlich an der Freien Universität. Als Politikwissenschaftler erfand er in den fünfziger Jahren das Wort „Politologie“. Dies ist wie vieles aus seinem umfangreichen Oeuvre zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Andere die Strömungen der Zeit unkonventionell schildernde Schriften, etwa seine 1932 verfaßtes Werk „Ein Deutscher ohne Partei sagt seine Meinung“ oder das Tagebuch mit Aufzeichnungen aus dem Berlin der Kriegs- und Nachkriegsjahre sind – wie auch der an ihn gerichtete Brief Thomas Manns – bislang nicht gedruckt worden. Nun aber hat die Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaft in Kooperation mit der Universität Bonn eine wissenschaftliche Edition jener Papiere ermöglicht. Sie wird im Herbst im R. Oldenbourg Verlag erscheinen.

Fischer-Baling starb 1964 in Berlin, kurz nachdem er in der Fischer-Kontroverse um die Ursachen des Ersten Weltkrieges wie auch in der Debatte um Rolf Hochhuths „Der Stellvertreter“ (ursprünglich mit einem Leserbrief in dieser Zeitung) Stellung bezogen hatte.








General-Anzeiger, 19. Oktober 2010

DEUTSCHLANDS ERSTE JUGENDPSYCHIATRIE ENTSTAND 1926 IN BONN

NEUES BUCH SCHLIESST LÜCKE IN DER BONNER MEDIZINGESCHICHTE

(mre)

Mit der „Provinzial-Kinderanstalt für seelisch Abnorme“ wurde 1926 in Bonn die erste eigenständige psychiatrische Klinik für Kinder und Jugendliche in Deutschland – wenn nicht sogar weltweit – gegründet, lange bevor es die Bezeichnung oder Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie überhaupt gab. Sie ist Vorläuferin der heutigen Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Rheinischen Kliniken Bonn. „Ein weiterer Schritt zur Schließung der Lücke in der Geschichte der Medizin in Bonn ist damit getan“, sagte Medizinhistoriker Ralf Forsbach von der Uni Bonn gestern bei der Präsentation eines Buches von Annette Waibel in den Rheinischen Kliniken. Die Assistenzärztin in der Diabetes-Ambulanz der Universitäts-Poliklinik untersucht darin den Wandel des ehemaligen Bonner Instituts für Hirnverletzte zur Kinder- und Jugendpsychiatrie, wobei sie sich besonders mit deren Gründungsvater Otto Löwenstein befasst. […]   


 
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