Home
Vita (Lehre, Vorträge)
Publikationen
Pressekontakte
Rezensionen
SKB
Siegburger Literaturliste
Sachbuch
Belletristik
Galerie
 


REZENSIONEN 

zu Ralf Forsbach, Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im "Dritten Reich", München 2006

NTM - Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaft, Technik und Medizin 17 (2009), S. 219-233

Kollaborationsverhältnisse, Ressourcenmobilisierung und der "Missbrauch der Medizin". Aspekte zur Medizin im Nationalsozialismus [Sammelrezension von Heinz-Peter Schmiedebach]



Sehepunkte 8 (2008), Nr. 7 (15.7.2008) http://www.sehepunkte.de/2008/07/12487.html

RALF FORSBACH: Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im „Dritten Reich“, München: R. Oldenbourg Verlag 2006, 767 S.

In einer umfangreichen Einleitung beschreibt der Historiker Ralf Forsbach die Problemstellung, vor allem aber den aktuellen Forschungsstand. Erstere ist von besonderer Bedeutung, um die Ergebnisse der lokal angesiedelten Studie historisch entsprechend einordnen zu können. Die ausführliche Besprechung des aktuellen Forschungsstandes, vor allem zur Geschichte der Medizin und insbesondere zu jener der deutschen Medizinischen Fakultäten ermöglicht auch eine Einordnung dieser Studie Forsbachs in den entsprechenden Kontext. Obwohl im letzten Dezennium vermehrt wichtige Arbeiten zur Medizin und über Medizinischen Fakultäten im Nationalsozialismus vorgelegt worden sind, muss der Feststellung, "[...] in einigen Werken zur Medizin und Universitätsgeschichte werden die Medizinischen Fakultäten im "Dritten Reich" behandelt, meist aber nur vergleichsweise oberflächlich [...]" (42) bedingungslos zugestimmt werden. Besonders bemerkenswert, um nicht zu sagen erstaunlich ist, dass eine deutsche Medizinische Fakultät, eben die von Forsbach untersuchte Bonner Medizinische Fakultät, die Untersuchungen zu ihrer Geschichte während der NS-Zeit selbst initiierte und unterstützt hatte. Dies ist eher eine positive Ausnahme.

Forsbach beginnt seine anspruchsvolle Studie über die Medizinische Fakultät Bonn mit dem Kapitel "Die Institute und Kliniken". Entsprechend der von ihm beschriebenen Methode werden die einzelnen Akteure in ihrer Symbiose mit den von ihnen geleiteten Einrichtungen vorgestellt. Quellenmäßig belegbare Handlungs- und Verhaltensweisen werden dargestellt. In einem ersten Unterpunkt wird jedoch zuvor auf "Das Ausgreifen der NS-Ideologie" eingegangen, wie beispielsweise auf die NSDAP-Mitgliedschaft von Fakultätsangehörigen und auf die anfänglich relativ zurückhaltende Haltung der Bonner Studentenschaft gegenüber dem Nationalsozialismus. Diesem schließt sich dann die Darstellung der einzelnen medizinisch-theoretischen Institute an. Es beginnt mit dem Anatomischen Institut und endet mit dem Institut für gerichtliche und soziale Medizin. Die entsprechenden Institutsvorstände werden ebenso wie auch ausgewählte Assistenten vorgestellt. Deren wichtigsten, quellenmäßig belegbaren Verhaltensmuster hinsichtlich verwaltungsrelevanter Entscheidungen und politischen Haltungen werden ebenso wie auch institutsinterne oder fakultätsbezogene Querelen, oft bis in das kleinste Detail, analysiert. Fachspezifisch werden die während der NS-Zeit stattgefundenen Berufungen, wie beispielsweise die der Nachfolger des Pharmakologen Hermann Fühners und des Gerichtsmediziners Friedrich Pietrusky untersucht und entsprechende Konstellationen und Interessenwahrnehmungen aufgezeigt.

Dieser Darstellung schließt sich die der Kliniken an, beginnend mit der Medizinischen Klinik, die seit 1932, wie Forsbach schreibt, von dem überzeugten Katholiken Paul Martini geleitet wurde. Es folgen die Medizinische Poliklinik, die Kinderklinik, die Klinik und Poliklinik für physisch und Nerven-Kranke, die Klinik und Poliklinik für Hautkrankheiten, die Klinik und Poliklinik für Geburtshilfe und Frauenkrankheiten, die Chirurgische Klinik und Poliklinik, die Augenklinik und Poliklinik, die Klinik und Poliklinik für Ohren-, Hals- und Nasenkranke und die Zahnklinik. Den Abschluss bildet das Medizinhistorische Institut. Forsbach gelingt damit ein eindrucksvoller Überblick über die Persönlichkeiten, die die Bonner Medizinische Fakultät, aber auch die Universität prägten.

Im anschließenden Kapitel "Die Politik der 'Säuberung', Denunziation und Entlassungen aus 'rassischen und politischen Gründe'" werden die Opfer dieser NS-Maßnahmen vorgestellt. Dabei nimmt das Schicksal des prominentesten Verfolgten, das des Nestors der Schulzahnpflege, Prof. Alfred Kantorowicz, den zu recht umfangreichsten Platz ein. Ausführlich wird der politisch motivierte Entzug von Doktorgraden beleuchtet und Betroffene genannt. Beim Lesen dieser Ausführungen entsteht zwangsläufig die Frage bezüglich der Rehabilitation nach 1945. Aussagen dazu finden sich in einem späteren Kapitel.

Bevor die Probleme der Lehre, insbesondere die auf dem Gebiet der Rassenhygiene und die Forschung im zu untersuchenden Zeitraum beschrieben werden, wird in einem vergleichsweise kurzen Kapitel die "Verwaltung der Kliniken und Institute" thematisiert. Vieles was unter diesem Kapitel einzuordnen wäre, findet man bereits in der Darstellung der einzelnen Institute und Kliniken.

Einen umfangreichen Platz nimmt "Der Missbrauch[es] der Medizin" ein. Unter den Überschriften "Psychiatrie und 'Euthanasie'" und "Zwangssterilisation" ("Tatort Frauenklinik" und "Tatort Chirurgische Klinik") wird die Beteiligung Bonner Mediziner an der Vernichtung sogenannten "lebensunwerten Lebens" dargestellt. Die Beteiligung von Kurt Polisch und von Friedrich Panse als T4 -Gutachter wird thematisiert, und die entsprechenden Verbindungen zur Rheinischen Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt aufgezeigt. So werden beispielsweise die Opfer der Mordaktion T4 mit "Bonner Hintergrund" namentlich aufgelistet und somit dem Vergessen entrissen.

Weiterhin wird einem bislang meist verdrängtem Kapitel, die Versorgung Anatomischer Institute mit Leichen Hingerichteter, durch Forsbach der nötige Stellenwert eingeräumt. Es ist jedoch kein Bonner Spezifikum, dass durch die Anatomie keine Leichen von Häftlingen aus Konzentrationslagern übernommen worden sind. Auch für die Jenaer Anatomie lassen sich beispielsweise nur zwei Leichen von Häftlingen aus dem nahe gelegenen Konzentrationslager Buchenwald nachweisen. Bedauerlicherweise sind jedoch in diesem Kontext keine Aussagen zu finden, ob heute noch in der Bonner Anatomischen Sammlung Präparate integriert sind, die von diesen Hingerichteten gewonnen wurden.

Im achten Kapitel "Der Krieg" werden die sich immer mehr zuspitzenden Probleme hinsichtlich des medizinischen Personals, der medizinische Unterversorgung, der Forschungseinschränkungen bis hin zu den Folgen der Bombardierungen thematisiert. Aussagen zu "Gesetzesbruch, Opposition und Widerstand" schließen sich an.

Forsbachs Darstellung endet jedoch nicht mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen am 9. März 1945 in der Stadt Bonn. Im zehnten Kapitel "Die Erneuerung nach Diktatur und Krieg" werden die Schwierigkeiten eines "Neuanfanges" und die der "Entnazifizierung" an Hand von mehreren Beispielen, darunter die der ehemaligen T4- Gutachter Kurt Polisch und Friedrich Panse, dargestellt. Ebenso werden von Forsbach "Rehabilitierung und Entschädigung" thematisiert, wobei die Geschehnisse um Alfred Kantorowicz wiederum an prominenter Stelle stehen.

Im 11. Kapitel "Die Fakultät als Ort von Konflikten und Interessebündelungen" mit seinen Unterpunkten "Fakultät und Universität", "Fakultät und Stadt" und "Fakultät und Reich" werden ebenso wie im "Schlusskapitel" sowohl entsprechende Verbindungen und "Netzwerke" als auch so manches bislang nicht Erwähntes beschrieben, wie beispielsweise, dass Bonner Fakultätsangehörige nicht nur die Zwangssterilisationen durchführten, sondern als Beisitzer an Erbgesundheitsobergerichten einen weiteren Beitrag zur "Verhütung erbkranken Nachwuchses" leisteten.

Die von Forsbach vorgelegte Monographie, verbunden mit einem Blick auf heutige medizin-ethische und historische Diskussionen, ist hinsichtlich ihrer Entstehungsgeschichte, ihrer detaillierten Komplexität, Quellenvielfalt und einer vorsichtig zurückhaltenden Beurteilung der agierenden Persönlichkeiten ein verdienstvolles Unikat in der medizinhistorischen, sozial- und disziplingeschichtlichen Forschung. Sie ist als Maßstab weiterer Forschungen anzusehen. 

Jena
Susanne Zimmermann



Neue Politische Literatur 51 (2006), S. 532-533

RALF FORSBACH: Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im „Dritten Reich“, München: R. Oldenbourg Verlag 2006, 767 S.

Seit einigen Jahren erlebt die Universitätsgeschichtsschreibung eine besondere Aufmerksamkeit, insbesondere was die Rolle von Universitäten, Fakultäten oder einzelner Fachbereiche im Nationalsozialismus angeht. Mittlerweile liegen umfangreiche Sammelbände und Monographien vor, die allesamt versuchen, das lokale Beispiel zu durchleuchten und daraus allgemeine Entwicklungslinien abzuleiten. Interessanterweise sind es nunmehr in Einzelfällen auch die Universitäten oder Fakultäten selbst, die ein gesteigertes Interesse an ihrer Geschichte im Nationalsozialismus zeigen und diese Vorhaben auch finanziell unterstützen. Ralf Forsbachs Studie wurde gezielt von der Medizinischen Fakultät Bonn initiiert und gefördert. So erhielt der Autor auch erstmalig Einsicht in bislang „ver­schlossene“ Akten der Bonner Universität. Die­se Kooperation zwischen Fakultät und histori­scher Forschung ist zwar nicht mehr überra­schend, aber dennoch einer besonderen Er­wähnung wert, da auch Ärzte und Mediziner sich lange Zeit (mit wenigen Ausnahmen) kaum an der Geschichte ihrer Profession im National­sozialismus interessiert zeigten. Und gerade der Nürnberger Ärzteprozess 1946-47 trug kurioser Weise dazu bei, diese Haltung zu unterstützen. Bis Ende der 1960er Jahre war es Diktum, dass durch diesen Prozess, der die Ver­strickung von Ärzten und Medizinern in das NS-System dokumentieren und herausstellen sollte, die „schwarzen Schafe“ der Zunft benannt wor­den waren, während sich die Mehrheit der Ärzte und Mediziner darauf berufen konnte, im Rah­men der Grenzen und Möglichkeiten innerhalb einer Diktatur zum Wohle der Patienten gear­beitet zu haben.

Seit den bahnbrechenden Arbeiten von Mi­chael Kater, Klaus Dörner, Alfons Labisch und Florian Tennstedt (letztgenannte findet erstaun­licherweise bei Forsbach keine Erwähnung) und Ernst Klee wissen wir aber, wie stark Ärzte und Mediziner in die nationalsozialistische Gesundheits- und Rassenpolitik eingebunden waren. Und dies ist auch ein wesentliches Fazit der mi­nutiösen Studie von Ralf Forsbach: Sämtliche Mediziner der Bonner Universitätskliniken und -institute beteiligten sich an der Etablierung und Durchsetzung der nationalsozialistischen Ge­sundheitspolitik, wenn auch in unterschiedli­chem Ausmaß. Gerade die Abwägung und Ein­schätzung ärztlichen Handelns auf dem schma­len Grat zwischen Individualität, Anpassung, Mitläufertum und expliziter Umsetzung national­sozialistischer Vorgaben ist die große Stärke der Arbeit. Forsbach argumentiert stets sicher und überzeugend, wägt auf der Basis eines immen­sen Quellenstudiums sorgfältig ab und kommt in allen Fällen zu einem ausgewogenen und für den Leser nachvollziehbaren Urteil.

Die Arbeit weist eine klare Systematik auf: Nach einer differenzierten Einleitung, die Fors­bach auf der Höhe der Forschungsdebatten zeigt, folgt eine sehr dezidierte Untersuchung der einzelnen Institute und Kliniken der Bonner Medizinischen Fakultät, was alleine schon eine sehr umfangreiche und mühsame Arbeits­leistung ist, die nicht noch genug eingeschätzt werden kann. Einen besonderen Schwerpunkt legt der Autor anschließend auf die Vertreibung und Verfolgung von als "rassisch" und/oder politisch ausgemachten „Gegnern“ des NS-Regimes, bevor er systematisch das gesamte Be­ziehungsgeflecht „Medizinische Fakultät“ unter­sucht, ihre Verwaltung, die Studierenden, For­schung und Lehre, die Kriegsfolgen und For­men von Opposition und Widerstand. Die nachweisbaren Verstrickungen von Ärzten und Medizinern in die nationalsozialistischen Verbre­chen, z. B. in die Krankenmorde, werden etwa am Beispiel des bekannten Falls des Bonner Psychiaters Kurt Pohlisch nachgezeichnet und dokumentiert. Aber auch die Zwangssterilisie­rungen und Abtreibungen in der Frauenklinik finden ausführlich Erwähnung.

Abschließend zeichnet der Autor den Über­gang der Medizinischen Fakultät von der Dikta­tur in die Nachkriegszeit an den wesentlichen Aspekten   Entnazifizierung,   Umgang   mit  den Nationalsozialisten und der Rehabilitierung und „Entschädigung“ der verfolgten Fakultätsmitarbeiter nach und ordnet die Medizinische Fakul­tät in die sie bestimmenden Kontexte Universi­tät, Stadt und Reich ein.

Zu den Ergebnissen, die das Lokalbeispiel mit wenigen  Ausnahmen  in  die  allgemeinen Entwicklungslinien medizinischer Fakultäten im Nationalsozialismus einordnen lassen: Eine Besonderheit war der ausgeprägte Katholizismus bei Medizinern und insbesondere bei den Stu­dierenden,  weshalb die Universität insgesamt und die Medizinische Fakultät mit Misstrauen von den neuen Machthabern beobachtet wurde. Die Fakultät war kein „Hort des Widerstands“, sondern Pragmatismus prägte den Alltag. „Ein­spruch erhob man in der Regel dann, wenn Belange des Betriebsablaufs gefährdet waren“ (S.   691).   Die   Fakultät   wies alle   Nuancen menschlichen Handelns und menschlicher Ab­gründe auf, von totaler Unterordnung bis hin zu oppositionellem   Verhalten.   Der   Anpassungs­druck war insbesondere bei den Assistenten festzustellen, wobei Forsbach auch hier zu einem durchaus generalisierbaren Fazit kommt: „Viele [Assistenten] fanden sogar die Klinik, die ihrer  politischen  Couleur am  nächsten  kam" (S. 693), wobei Forsbach zu Recht die besondere   Stellung   des   Klinikleiters   hervorhebt. Durch den nationalsozialistischen Einfluss verlor die Lehre im Laufe der Jahre an Qualität, obwohl die Eingriffe in den Lehrplan das klassische  Ausbildungscurriculum   nicht   in   Gefahr brachten. Auch an der Medizinischen Fakultät Bonn wurden Verbrechen begangen bzw. unterstützt und von der DFG und Ministerien unterstützte  „Kriegsforschung“  betrieben.  Insgesamt waren die Bonner Mediziner nicht Zuarbeiter des Regimes, sondern „Durchführer des­sen, was in Berlin angeordnet wurde“ (S. 698). Die Integration ehemals belasteter NS-Mediziner fand auch in Bonn spätestens Anfang der 1950er Jahre ihren Ausgangspunkt, während es die ehemaligen Opfer schwer hatten, wieder Fuß zu fassen.

Insgesamt ist die Studie zweifellos ein gro­ßes Verdienst und ein Gewinn für die Bonner Universitätsgeschichtsschreibung. Konzeptio­nelle Fragestellungen und aktuelle Forschungs­trends (Netzwerkanalysen, neue Ansätze der Institutionenforschung) müssen aufgrund des umfangreichen Ansatzes dabei wohl zwangsläu­fig zurücktreten. Forsbach ist aber dennoch ein für die lokale Universitätsforschung wesentli­ches Standardwerk gelungen, das auch Anre­gung dahingehend bieten sollte, wie die Ge­schichte anderer Universitäten, Fakultäten und Fachbereiche aufgearbeitet werden kann.

Düsseldorf
Wolfgang Woelk

  


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Dezember 2007, S. 7

RALF FORSBACH: Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im „Dritten Reich“, München: R. Oldenbourg Verlag 2006, 767 S.

ORIENTIERUNG VERLOREN.
BONNS MEDIZINISCHE FAKULTÄT IM „DRITTEN REICH“
Von Hermann Mellinghoff

Der Vorwurf sollte diskreditieren: Pro­fessor Martini, Ordinarius und Chef der Klinik für Innere Medizin an den Univer­sitätskliniken Bonn, habe „Patienten der 3. Klasse nur l-2mal in der Woche“ besucht und Privatpatienten bevorzugt. Im September 1933 leitete der Kreislei­ter der NSDAP ein Ermittlungsverfah­ren gegen den überzeugten Katholiken ein. Der Professor konnte die Vorwürfe jedoch entkräften - nach nur zwei Mona­ten erfolgte die Einstellung des Verfah­rens. Es war nicht der einzige Versuch, Martini loszuwerden. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges strebte die Reichs­dozentenschaft eine Amtsenthebung an, weil Martini und sein Kollege von Redwitz, Ordinarius und Chef der Chir­urgie in Bonn, sich „staatsfeindlich“ be­tätigt haben sollten und „insbesondere auch nur Schüler und Assistenten ein­stellten, die im Gegensatz zur national­sozialistischen Regierung und Weltan­schauung standen“.

Rolf Forsbach weist nach, dass nicht alle Universitätsärzte in Führungsposi­tionen „gleichgeschaltet“ und nicht alle Mitglieder der NSDAP waren. Zu kei­nem Stichtag gehörten mehr als 50 Pro­zent der Bonner medizinischen Ordina­rien Hitlers Partei an. Von 14 Neuberu­fungen auf Lehrstühle während des „Dritten Reichs waren vier Parteilose, und in insgesamt fünf Fällen erfolgten Besetzungen gegen den Willen der Fa­kultät. Allerdings wird erwähnt, dass bis 1945 etwa zwei Drittel aller Fakultäts­mitglieder in die NSDAP eintraten. Und Forsbach legt dar, dass selbst ein dem Regime Fernstehender wie Martini sich an Kriegsforschung beteiligte, Wert auf Nähe zum Militär legte und sich als „Be­ratender Internist“ der IV. Armee zur Verfügung stellte. Dennoch baten ihn zu­mindest in den ersten Jahren des „Drit­ten Reichs“  mehrere verfolgte Ärzte um Hilfe bei der Stellensuche. Darüber hin­aus vertrat er in Fachpublikationen die Auffassung, die Schulmedizin ermögli­che eine „rationale, vernünftige Thera­pie“ - ganz im Gegensatz zum „Führer“-Stellvertreter Rudolf Heß, der nicht-schulmedizinische Heilmethoden förder­te. Martini behandelte sogar jüdische Pa­tienten, obwohl er sich damit in Gefahr brachte. Von solchen Ausnahmen abge­sehen, ging es den Ordinarien jedoch vor allem um den reibungslosen Ablauf ihres jeweiligen Funktionsbereichs. Da­bei nahmen sie Zwangssterilisationen von Patienten und die Vertreibung jüdi­scher Kollegen einfach hin. Daneben profitierte das Anatomische Institut von den Leichen der Opfer des Regimes.

Der Autor stellt auch Personen vor, die aktiv an Verbrechen beteiligt waren, etwa den Chef der Psychiatrischen und Nervenklinik Kurt Pohlisch. Der war nach eigenem Bekenntnis Anhänger na­tionalsozialistischer Ideen und trat wie­derholt in Lehrveranstaltungen in Uni­form auf. Im Zusammenhang mit dem „Erbgesundheitsgesetz“ fiel er als Gut­achter auf, der eine besonders hohe Quo­te bei Zwangssterilisationen erzielen wollte. Der Gerichtsmediziner Gerhard Panning ließ vor seiner Berufung auf den Bonner Lehrstuhl Geschosse auf Juden feuern, um die Wirkung auf verschiedene Körperteile zu „untersuchen“. Anlass für Forsbachs gründliche und quellengesättigte Studie war das Schick­sal einer jüdischen Ärztin, die 1934 in Bonn ihre Doktorprüfung zwar abgelegt hatte, der man jedoch zunächst ihre Pro­motionsurkunde und damit das Recht zum Führen des Titels vorenthalten woll­te. Man hatte ihr damals empfohlen, sich von ihrem nichtjüdischen Verlob­ten zu trennen: „Lassen Sie ihn gehen und dem Führer und dem Reich dienen. Sie können auch als Krankenschwester in Afrika glücklich leben.“

Zunächst konzentriert sich Forsbach auf die in den Instituten und Kliniken tä­tigen Personen. Anschließend befasst er sich schwerpunktmäßig mit der national­sozialistischen „Säuberung“ der Fakul­tät, dem Missbrauch der Medizin bei Psychiatrie, Euthanasie und Erbfor­schung sowie der Erneuerung der Fakul­tät nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Buch ist über weite Strecken hinweg nicht leicht zu lesen. Allein die Vielzahl von Namen macht die Orientierung schwierig. Es bedarf des ständigen Nachschlagens, der häufigen Suche im Regis­ter, damit sich ein einigermaßen zusam­menhängendes Bild ergibt. Überhaupt werden wichtige Fachtermini nicht dort erklärt, wo es angebracht wäre. Bei­spielsweise werden im Abschnitt über die Nervenärzte Kurt Pohlisch und Fried­rich Panse diese mehrfach als „T4-Gut­achter“ bezeichnet, jedoch nicht erläu­tert, was mit dem Kürzel „T4“ gemeint ist. Erst fast dreihundert Seiten später er­wähnt Forsbach in einer versteckten Fußnote, dass es sich dabei um ein Bei­spiel aus der „Geheimsprache des Tötens“ handelt: „T4“ als Tarnbezeich­nung für die zentrale Koordinierungs­stelle der Euthanasiemorde in der Berli­ner Tiergartenstraße 4. Zu spät er­schließt sich damit die ganze Tragweite der Bezeichnung „T4-Gutachter“.

An Universitäten umfasst eine Fakul­tät alle Lehrenden und Lernenden. Fors­bach nimmt besonders die Ordinarien und Chefärzte der jeweiligen Kliniken beziehungsweise die Leiter der Institute ins Visier. Assistenten und Oberärzte treten bei ihm eher in den Hintergrund. Es zeichnet sich bei der Lektüre der Ein­druck ab, dass die Bonner Medizinordi­narien damals einen deutlich größeren Handlungsspielraum hatten als andere Mitglieder der Fakultät, ohne dass Fors­bach dies scharf herausarbeitet und Gründe außerhalb der Hierarchie dafür darlegt. An verschiedensten Stellen des Buches führt er den Mangel an finanziel­ler Ausstattung, die bauliche Unzuläng­lichkeit und die Personalknappheit an. Diese Themen klingen vertraut, und der Leser erinnert sich sofort an die Klagen der Gegenwart. Es fehlt bei solchen Schilderungen jedoch das Spezifische der Situation im „Dritten Reich“. Schließlich wird die Vielzahl der einzel­nen Fakten erst im zehnseitigen Schluss­kapitel in einen Zusammenhang ge­bracht und eingeordnet. Forsbach bietet somit eine Flut von Details, aber eben keine große Hilfe zum Verständnis der damaligen Vorgänge.

 


Rheinische Vierteljahrsblätter 71 (2007), S. 431-433

RALF FORSBACH: Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im „Dritten Reich“, München: R. Oldenbourg Verlag 2006, 767 S.

Das zu besprechende Buch verdient aus einer ganzen Reihe von Gründen große Anerkennung. Voraussetzung für sein Erscheinen war eine vertrauensvolle Zusammenarbeit und bereitwillige Unterstützung zweier Fakultäten der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Dies bele­gen die Geleitworte Klaus Hildebrands für das Historische Seminar und Heinz Schotts für das Medizinhistorische Institut nachdrücklich. Das Vorwort des Verfassers dankt zu Recht vielen Förderern, Forschern, Archivaren und Bibliothekaren. Wenn alle öffentlichen Einrichtungen und gesellschaft­lichen Gruppen in Deutschland so engagiert und diszipliniert um strenge wissenschaftliche Objek­tivität bemüht ihre Vergangenheit in der Zeit des Nationalsozialismus erforschen würden, wäre es um die Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit gut bestellt. Der zweite Grund für die große Anerkennung liegt in der Akribie, mit der die einschlägigen Archivbestände benutzt wurden. Es gibt in der Zeitgeschichte nur selten ein Thema, bei dem der Rezensent – zurnal ein Archivar – nicht auf unbenutzte einschlägige Quellen kritisch aufmerksam machen könnte. Ich habe solche Bestände nicht ermitteln können.

Obwohl das Kriegsende inzwischen mehr als 60 Jahre zurückliegt ist dem Verfasser drittens für seinen Umgang mit dem Konflikt zwischen Wissenschaftsfreiheit und Persönlichkeitsschutz aus­drücklich Anerkennung zu zollen. Das Buch schildert die damals handelnden Personen hinreichend individuell, ohne dass man Eingriffe in Persönlichkeitsrechte besorgen müsste. Jenseits der formalen Beachtung des Archivrechts gelingt es dem Verfasser, nicht zuletzt durch seine sprachliche Darstel­lung die kritischen Bewertungen vorzunehmen, die Personen der Zeitgeschichte und Amtsträger in Ausübung ihres Amtes hinnehmen müssen. Insoweit erscheint das Buch nicht zu spät, sondern rechtzeitig.

Die Arbeit gliedert sich in zwölf Teile. In der Einleitung wird der Leser mit dem historischen Hin­tergrund und dem Forschungsstand (S. 17-62) umfassend vertraut gemacht. Den zu Recht größten Raum nehmen die Einzeldarstellungen der sieben Institute und zehn Kliniken ein (S. 63-332). Aus­reichenden Raum erhält auch die Darstellung dar Politik der „Säuberung“ aus „rassischen“ und poli­tischen Gründen, die Behandlung ausländischer Ärzte, unliebsamer Studierender, Promovenden und Schwestern (S. 333-444).

Kurz dargestellt werden die Verwaltung der Kliniken und Institute (S. 445-449), die Entwicklung der Lehre (S. 451-461) und der Forschung (S. 463-480). Zu Recht größeren Raum nimmt dann wieder die Darstellung des Missbrauchs der Medizin (S. 481-560) ein, wobei Psychiatrie und „Euthanasie“, die „Erbforschung“ und Gutachten als Urteile über Leben und Tod hervorgehoben werden; eine Dar­stellung und Statistik über Sterbefälle der Rheinischen Provinzial- Heil- und Pflegeanstalt bieten ein Bild des Grauens. Am Ende dieses Teils werden Verlegungen von Kindern in Tötungsanstalten, Zwangssterilisierungen und -abtreibungen sowie die Behandlung der Leichen von NS-Opfern im Anatomischen Institut mit einer 15 Seiten umfassenden Statistik mit vollem Namen der Opfer schonungslos geschildert. Der wissenschaftlichen Objektivität verpflichtet, bemüht sich der Verfasser erfolgreich um die Darstellung der personellen und sachlichen Nöte und Schäden des Krieges (S. 561-595), wobei die Quellen für eine umfassende Darstellung von Zwangsarbeitern – wegen des aktuellen politischen und moralischen Interesses an diesem Komplex bedauerlicherweise – nicht ausreichten. Der neunte Teil fasst die Einflussversuche der NSDAP, die studentische Opposition und die medi­zinische Behandlung Verfolgter zusammen (S. 597-603); dabei verdienen die Rolle von Willi Graf, einem herausragenden Mitglied der „Weißen Rose“ in München, und die Eskalation der Auseinan­dersetzungen zwischen der HJ und den farbentragenden Verbindungen am 11. Juni 1934 auf dem Bonner Marktplatz besondere Erwähnung. Es war richtig, zur Abrundung des Gesamtbildes auch die Erneuerung der Medizinischen Fakultät nach Diktatur und Krieg (S. 605-666) in die Darstellung einzubeziehen. Der Verfasser vermeidet auch hier eine pauschale Verdammung der unabhängig von einer förmlichen Parteimitgliedschaft „belasteten“ Hochschullehrer ebenso wie eine unreflektierte Verherrlichung der „Unbelasteten“, es gelingt ihm vielmehr, dem jeweiligen einzelnen Menschen in seiner Individualität so weit gerecht zu werden, wie dies durch historische Forschung möglich ist. Dass insbesondere bei der Rehabilitierung und „Entschädigung“ Gerechtigkeit nicht erreicht wurde, zeigt der Fall des berühmten Zahnmediziners Alfred Kantorowicz besonders deutlich. Besonders gelungen erscheint dem Rezensenten die Schilderung der „Fakultät als Ort von Konflikten und Interessenbündelung“ (S. 667-689), wobei die Beziehungen zwischen Fakultät und Universität, Fakultät und Stadt sowie Fakultät und Reich (Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung) jeweils gesondert behandelt werden. Die abschließende Bewertung (S. 691-700) ist ebenso um Objektivität bemüht wie die gesamte Darstellung.

Ein Rezensent darf auch bei einem guten Buch auf Schwächen hinweisen. Trotz des detailliert gegliederten Inhaltsverzeichnisses wäre ein Sachindex zweckdienlich gewesen. Ein Personenregister allein reicht nicht, zumal bei mehrfach genannten Personen nicht angegeben wird, wo die weiterführenden biographischen Hinweise zu finden sind. Auch das Abkürzungsverzeichnis überzeugt nicht, weil mehrfach umgangssprachliche statt der offiziellen Bezeichnungen benutzt werden. Die biogra­phischen Angaben sind überaus umfangreich und damit eine gute Basis für kommende Forschungen. Leider hat man allerdings auch den Eindruck, dass zu oft auch nebensächliche oder gar irrelevante, insbesondere familiäre Angaben aus den Quellen übernommen werden, während interessante Tat­sachen unerwähnt bleiben. So hätte es der Objektivität der Darstellung nicht geschadet, wenn darauf hingewiesen worden wäre, dass der bedeutende Internist Paul Martini der langjährige Arzt Konrad Adenauers war.

Sobald die Geschichte einer ausreichenden Zahl anderer Medizinischer Fakultäten in ganz Deutschland vergleichsweise intensiv erforscht sein wird, kann man ein abschließendes Urteil über die Bonner Fakultät fällen. Der Rezensent wagt die Vermutung, dass es im Vergleich nicht schlechter ausfallen würde.

Koblenz                                                                                                                                                                               Klaus Oldenhage



Deutsches Ärzteblatt 103, Nr. 25, 23. Juni 2006, S. A-1742

RALF FORSBACH: Die Medizinische Fakultät der Universität Bonn im „Dritten Reich“, München: R. Oldenbourg Verlag 2006, 767 S.

ANERKENNUNG
Von Robert Jütte

Kurz nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten weigerte sich der Leiter der Bonner Poliklinik, Prof. Max Bürger (1885–1966), die Hakenkreuzfahne auf der Klinik zu hissen, und äußerte sich im vertrauten Kreise, dass er bei Hitler immer an einen Bismarckhering denken müsse, „dem man das Gehirn herausgenommen“ habe. Doch schon bald war mit einem so riskanten Oppositionsverhalten des Klinikchefs aus opportunistischen Gründen Schluss. Als 1937 Bürgers Wechsel auf den Lehrstuhl nach Leipzig bevorstand, beantragte er die Mitgliedschaft in der NSDAP. 
                                                                                                                                                                                 Andere Mitglieder der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn schafften es dagegen, wie die gründliche medizinhistorische Arbeit von Ralf Forsbach zeigt, sich nicht ideologisch vereinnahmen zu lassen. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass Bonn damals eine Hochburg des rheinischen Katholizismus war. Zu den profiliertesten Katholiken an der Medizinischen Fakultät zählte der Internist Paul Martini, der sich allerdings nicht völlig den Zwängen eines totalitären Regimes zu entziehen vermochte und somit zum Mitläufer wurde. Bereits 1933 war ein Drittel der Fakultätsmitglieder auch in der NSDAP, bei Kriegsende waren es schließlich mehr als zwei Drittel. An Verbrechen gegen die Menschlichkeit waren nur wenige Professoren beteiligt, vor allem die Psychiater Friedrich Panse und Kurt Pohlisch.
                                                                                                                                                                                       Die Bonner Universität verdient Anerkennung dafür, dass sie den Mut und die finanziellen Mittel fand, auch dieses dunkle Kapitel der Universitätsgeschichte aufarbeiten zu lassen. So widerfährt den zahlreichen Opfern, sowohl den ermordeten Kranken als auch den ins Exil getriebenen Ärzten, ein wenig Wiedergutmachung, indem ihr Schicksal nicht mehr länger der Vergessenheit anheim fällt.


 
Top